Miteinander reden

oder 

Warum der unsichtbare Teil eines Eisberges ausschlaggebend für die Lösung vieler Probleme ist

Schauen wir uns zunächst einen Eisberg an.

Ca. ein Siebtel eines Eisberges befindet sich über der Wasseroberfläche und ist somit „die Spitze des Eisberges“.

Der größte Teil, welcher sich unter der Wasseroberfläche befindet, ist unsichtbar und daher eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

Welche auch dem Passagierschiff „Titanic“ bei ihrem Untergang im Nordatlantik am 15. April 1912 zum Verhängnis wurde.

Doch was hat ein Eisberg mit unserer Kommunikation gemeinsam?

Der sichtbare Teil des Eisberges sind die Konflikte, welche schnell zu lösen wären, wenn da nicht der unsichtbare Teil, unsere Gefühle, wäre. Denn diese sind ausschlagend für die Lösung unserer Probleme.

Gefühle wie Misstrauen, Angst, Neid, Wut, Eifersucht und Enttäuschung befinden sich unter der Wasseroberfläche und sind die Ursache für einen nicht zu lösenden Konflikt.

Allein der Alltag bietet genug Stoff für einen Konflikt.

Denn überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen, treffen auch unterschiedliche Meinungen und Haltungen aufeinander, die diskutiert werden aber auch zum Streit führen können.

Damit es erst gar nicht dazu kommt, dass du in solchen ausweglosen Situationen im Streit endest, ist es wichtig, dass du dir gemeinsam mit deiner Familie die Zeit nimmst, über den Tag, die Geschehnisse und die dazugehörigen Gefühle zu sprechen.

Du kannst deine Familienmitglieder dazu ermutigen offen über alles zu reden.

Am besten lernen sie dieses, wenn du es ihnen vorlebst.

Und das nicht nur an Tagen, an denen alles so läuft wie du es dir vorgestellt hast

Denn auch Gefühle, die sich negativ für dich anfühlen, wollen gespürt, angenommen und verbalisiert werden.

Sie gehören genauso dazu, wie die Gefühle, die sich gut anfühlen und die du gerne spürst.

Kinder kategorisieren Gefühle nicht in gut / schlecht bzw. richtig / falsch.

Für sie sind es Gefühle.

Gefühle, die sie nur benennen können, wenn sie die dafür vorgesehenen Wörter gehört haben und sie sie mit diesen in Verbindung bringen können.

Daher ist es umso wichtiger Gefühle wie Angst, Trauer, Müdigkeit zu leben, zu verbalisieren und sie nicht zu unterdrücken.

Du kannst dieses deinen Kindern verständlich machen, indem du von der Situation, die dieses Gefühl in dir ausgelöst hat, erzählst und wie du darauf reagiert hast.

Denn so lernt dein Kind, dass es wichtig ist seine Gefühle und sein Befinden auszusprechen.

In einer spielerischen Übung kannst du es probieren

Am besten eignet sich ein Tag, an dem alles so lief wie es laufen sollte, so dass sich jedes Familienmitglied auf die Übung einlassen kann.

Eventuell hast du noch einen kleinen Anti-Stress-Ball

(es geht auch ein anderer Gegenstand) und die Möglichkeit dich mit allen Familienmitgliedern auf den Boden in einen Kreis zu setzen.

Der Gegenstand, den du gewählt hast, signalisiert, wer reden darf, alle anderen hören hin und unterbrechen nicht.

Wenn du das Spiel das erste Mal spielst, ist es von Vorteil, dass du beginnst, denn so hat dein Kind die Möglichkeit sich zu orientieren.

(Je nach Dekoartikeln in dem Raum, in dem ihr euch befindet, kann der Redeball nicht nur von Person zu Person gereicht, sondern auch geworfen werden.)

 

Das Spiel beginnt, in dem dich ein anderes Familienmitglied fragt:

-Wie geht es dir gerade?

Auf diese Frage sprichst du deine Gefühle an, z.B. ich bin glücklich, ich bin müde, ich bin erleichtert

Wenn du mit deinen Äußerungen fertig bist ist ein anderes Familienmitglied an der Reihe und äußert wie es ihm geht.

Haben sich alle Familienmitglieder geäußert, geht der Redeball wieder zu dir zurück und jemand anderes fragt dich:

-Was macht dich glücklich, müde, erleichtert?

 

Auf diese Frage beschreibst du die Situation, die dein Gefühl ausgelöst hat, z.B. Ich bin glücklich, weil ich mich heute mit einer Freundin getroffen habe, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Wir haben uns über Situationen unterhalten, die wir zusammen erlebt haben und haben zusammen gelacht.

Wenn du mit deinen Äußerungen fertig bist ist ein anderes Familienmitglied an der Reihe und erzählt über die Situation, die sein Gefühl ausgelöst hat.

Haben sich alle Familienmitglieder geäußert, geht der Redeball wieder zu dir zurück und jemand anderes fragt dich:

-Was können wir dir Gutes tun?

Auf diese Frage beschreibt jeder seine eigenen Bedürfnisse, z.B. Ich will mit dir kuscheln, ich will alleine sein

 

Da diese spielerische Übung Raum gibt über vieles zu sprechen und auch zu erfahren wie es den anderen Familienmitgliedern geht, kannst du diese als Abend- bzw. Wochenendritual einsetzen.

 

Denn Rituale können sowohl den Alltag begleiten als auch Sicherheit und Orientierung vermitteln. Das Ganze als Spiel zu gestalten ist für Kinder verständlicher, da sie ihre Welt im Spiel begreifen.

Somit setzt du die Grundlage für emotionale und geistige Prozesse.

Und förderst so auch die Empathie deines Kindes                     

Doch, was ist Empathie eigentlich?

Empathie ist die Fähigkeit, sich in Empfindungen, Gedanken, Emotionen und das Weltbild anderer Lebewesen hinein zu versetzen.

Ein Mensch wird mit Einfühlungsvermögen geboren.

Er ist neugierig, offen, wissbegierig und empathisch.

Während des Prozesses der Erziehung werden ihm diese Kompetenzen abtrainiert, um angepasst in der Gesellschaft zu sein.

Begegnest du deinem Kind aber in einem persönlichen Dialog und traust dich, dich auf eine echte Beziehung zu deinem Kind einzulassen, ist es dir möglich, von ihm zu lernen und bestimmte Kompetenzen wiederzuerlangen.

Wenn du z.B. traurig bist, spürt das dein Baby. Auch wenn es die Schwingungen noch nicht deuten kann, spürt es, dass es dir nicht gut geht.

Wenn du z.B. lächelst, dann sieht dein Kind das Lächeln und lächelt mit dir, weil es die Schwingungen spürt.

Mit ca. 1,5 Jahren ist dein Kind in der Lage sich von anderen Menschen zu unterscheiden.

Die Loslösung der Mutter – Kind – Einheit beginnt.

Dein Kind erkennt sich auf Bildern und / oder im Spiegel wieder und ist in der Lage das Bild von dem Original zu unterscheiden.

In der Trotzphase (je nach Entwicklung des Kindes beginnt diese ca. mit 2 / 3 Jahren und wird von mir als Autonomiephase bezeichnet) kannst du mit deinem Kind Situationen erleben, die dich eventuell verzweifeln lassen. Denn dein Kind möchte Handlungen vollziehen, zu denen es eventuell von seiner Entwicklung noch gar nicht in der Lage ist.

Gefühlsausbrüche können die Folge sein.

Diese zu Begleiten und dein Kind mit seinen Gefühlen nicht alleine zu lassen beeinflusst die Bindung zu deinem Kind positiv.

Dein Kind wird selbstständiger.

Mit einigen Hilfestellungen, z.B. eigene Auswahl aus zwei Kleidungsstücken bindest du dein Kind mit ein und es darf Entscheidungen selbstständig übernehmen. Deinem Kind vermittelst du in diesem Moment, dass du in seine Fähigkeiten vertraust.

Dieses Vertrauen spiegelt dir dein Kind wieder, wenn es dir mal nicht gut geht. Denn sowohl durch das Vorleben und verbalisieren deiner Gefühle als auch durch dein Vertrauen förderst du die Empathie deines Kindes, z.B. Menschen, die traurig sind zu trösten, sich mit ihnen zu freuen, wenn sie glücklich sind.

Die Fähigkeit sich in andere Menschen hinein zu versetzen besitzt dein Kind ungefähr ab dem 4. Lebensjahr.

Für dein Kind bist du ein Vorbild!

Es eignet sich ganz unbewusst dein Verhalten an und spiegelt es dir wieder.

Eine weitere Möglichkeit ist das Vorlesen von Büchern, in denen es um Gefühle geht, wie z. B. das Buch (Werbung, Buchnennung) „Blöde Ziege, dumme Gans“.

Dort werden Situationen von beiden erläutert, so dass das Kind ein Gefühl von verschiedenen Meinungen und Empfindungen bekommt und lernt, dass Gefühle nicht richtig oder falsch sind.

Je nach Alter und Sprachentwicklung des Kindes kannst du dir den Absatz in der Geschichte oder die komplette Geschichte nacherzählen lassen und Fragen dazu stellen, z. B. „Welche Gefühle hat die Ziege?“, „Warum, denkst du, ist die Gans traurig?“, „Wie würdest du dich dabei fühlen?“

So siehst du auch, was dein Kind verstanden hat.

Das ist übrigens auch der Grund, warum du deinem Kind ein und das selbe Buch ein 100 stets Mal vorlesen kannst: Umso öfters dein Kind die Geschichte hört umso besser versteht es die Situation und kann Zusammenhänge erkennen.

Diese kannst du dann in Rollenspielen mit deinem Kind nachspielen, so dass der Inhalt in Erinnerung gerufen, die Gefühle benannt und die Situationen verarbeitet werden kann.

Dein Kind hat so die Möglichkeit sich in die verschiedenen Charaktere zu verwandeln, aus ihrer Sicht die Situationen zu erleben, die Situationen zu verändern und seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.

Durch das Nacherzählen, Fragen beantworten und die Rollenspiele wächst das Gefühl deines Kindes sich in Andere hinein zu versetzen und ein Gefühl für den Anderen zu entwickeln, welches im täglichen achtsamen Umgang miteinander sehr wichtig ist.

Doch was ist, wenn wir Worte aussprechen, die der Andere anders interpretiert?

Es entstehen Missverständnisse.

Missverständnisse, die wir aus Angst, Eitelkeit nicht beseitigen.

Die aber durch eine andere Wortwahl oder / und einen anderen Tonfall vielleicht gar nicht entstanden wären. Vermutlich hat der Empfänger eine Menge negativer Gefühle in seinem Eisberg angesammelt, fühlt sich nicht beachtet und kann mit Frustration nicht umgehen.

Dadurch gelingt keine achtsame Kommunikation, sie ist gestört.

Denn die unterschiedlichen Interpretationen zwischen demjenigen, der es ausgesprochen hat, dem Sender, und demjenigen, der es empfangen hat, dem Empfänger, sind meist die Grundlage aller Missverständnisse in unserer Kommunikation.

 

Friedemann Schulz von Thun hat dies in seinem 4-Ohren-Modell (Werbung, Kommunikationsmodell) beschrieben:

Der Sender hat 4 Kanäle, auf denen er senden kann:

  • Den Sachkanal (Worüber informiere ich?)
  • Den Beziehungskanal (Wie stehen wir zueinander?)
  • Den Appellkanal (Wozu möchte ich dich veranlassen?)
  • Den Selbstoffenbarungskanal (Was gebe ich von mir selbst kund?)

Der Empfänger hat 4 Ohren, mit denen er hören kann

  • Das Sachohr (Welche Informationen / Fakten erhalten ich?)
  • Das Beziehungsohr (Was denkt er über mich?)
  • Das Appellohr (Was soll ich tun?)
  • Das Selbstoffenbarungsohr (Inwiefern bin ich daran beteiligt?

Wenn also der Sender auf dem Appellohr sendet und der Empfänger auf dem Beziehungsohr empfängt, führt dieses zu Unstimmigkeiten.

Bis das Missverständnis aber erkannt ist, kommt es zum Streit und jeder fragt sich, warum der andere ihn nicht versteht.

Das ist völlig normal.

Denn stell dir vor, du bist in einem fremden Land, dessen Sprache du nicht sprichst und die Menschen, die dort leben, sprechen auch nicht deine Sprache.

Jetzt möchtest du dich mit ihnen unterhalten.

Was passiert?

Es ist unmöglich.

So fühlt es sich auch an, wenn zwar zwei Menschen die gleiche Sprache sprechen aber auf unterschiedlichen Kanälen senden und empfangen.

Respektvolle Kommunikation ist also nur möglich, wenn Sender und Empfänger auf demselben Kanal senden und empfangen.

Dieses solltest du als Elternteil beachten und dein eigenes Verhalten sowohl als Sender als auch als Empfänger kontrollieren und hinterfragen, nicht das der Anderen.

Du kannst dich als Sender klar und respektvoll ausdrücken, was der Empfänger versteht, kannst du aber nicht beeinflussen. Umgekehrt kannst du aber als Empfänger nachfragen.

Sich in den anderen hinein zu versetzen, hilft beiden Seiten enorm; zu überlegen, wie meine Aussage bei ihm angekommen sein könnte und wie es ihm dabei geht.

Mit folgenden Techniken kannst du deinem Kind das Senden und Empfangen erleichtern und ihm dabei helfen Missverständnisse zu vermeiden:

Als Sender kannst du:

  • Dich klar ausdrücken, keine Schachtelsätze benutzen
  • Einwände vorwegnehmen, z.B. Ich will dich nicht ärgern, …
  • Wenig Fachwörter benutzen
  • Nachfragen, z.B. wie kommt das bei dir an?
  • Gefühle ansprechen, z.B. ich merke, du hast Angst.

 

Als Empfänger kannst du:

  • Ausreden lassen
  • Aufmerksam zu hören
  • Nachfragen, z.B. habe ich da richtig verstanden
  • Zusammenfassen, z.B. Bei mir kam das so an, dass …

Es kostet dich vielleicht ein wenig Übung dich darauf zu konzentrieren, welche Signale du sendest, es lohnt sich aber.

Und jetzt stell dir vor, wie schwierig dieses für dein Kind ist. Erst lernt es, wie es seine Gefühle äußern kann, ist vielleicht eifersüchtig auf den kleinen Bruder und fühlt sich dann noch benachteiligt.

Dann ist eine Reaktion, die wir als nicht angemessen titulieren würden, angemessen.

Mit einem kleinen Spiel, welches du vielleicht aus deiner Kindheit noch kennst, kannst du deinem Kind ein Gefühl von Fehlern und Fallen in der Kommunikation vermitteln.

Stille Post

Ist ein Kinderspiel, bei dem mindestens zwei Personen, besser jedoch mehr, nebeneinander oder im Kreis sitzen.

Ein Spieler denkt sich ein Wort aus, was er seinem Nebenmann flüsternd ins Ohr sagt. Dieser gibt das, was er verstanden hat, flüsternd in das Ohr des Nächsten weiter.

Der letzte in der Runde spricht das aus, was bei ihm angekommen ist.

Sollte ein Mitspieler das Gesagte beim ersten Mal nicht verstehen, kann es auf nachfragen ein zweites Mal wiederholt werden.

Und wenn du noch weiter in das Thema einsteigen möchtest, empfehle ich dir meinen Kurs zum Thema „Miteinander reden – Warum dir dein kind nicht immer zuhört“

17 Kommentare zu „Miteinander reden

  1. Liebe Maria,
    das ist ein wirklich hilfreicher und ausführlicher Artikel, klasse! „Blöde Ziege, dumme Gans“ gehört zu meinen Lieblingsbüchern, weil es so schön spielerisch mit dem Blickwinkel des jeweils anderen umgeht.

    Viele Grüße
    Simone

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    1. Vielen lieben Dank für deine wertschätzende Rückmeldung.
      Hast Du Ideen / Themen für weitere Artikel? LG Maria

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  2. Friederike Kunath 19. Oktober 2018 — 16:35

    Hallo Maria, wow, was für ein ausführlicher, anschaulicher und praktischer Artikel! Die Metapher vom Eisberg bringt es richtig gut auf den Punkt und dann all die tollen Tipps. Ein richtig gehaltvoller Text, danke sehr! LG, Friederike

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    1. Hallo Friederike!
      Vielen, vielen lieben Dank für dein wertschätzendes Feedback

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  3. Danke, dass Du dieses wichtige Thema so ausführlich aufgegriffen hast. Alles was Du hier auf Familie lässt sich auch auf jeder anderen Gruppe übertragen. Sehr hilfreich.
    Alles Liebe
    Annette

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    1. Vielen lieben Dank für deinen wundervollen Kommentar

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  4. Sehr schön beschrieben und gut verständlich. Ich werde sehr gerne auch in meinen Workshops auf deine Seite verweisen, wenn das für dich ok ist. Herzliche Grüße Silke

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    1. Vielen lieben Dank für deine Worte.
      Selbstverständlich darfst du auf meinen Artikel verweisen- was hälst du denn für einen Workshop? LG Maria

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