„Lass los“ – sowohl der Impuls der 54. Blognacht von Anna, als auch ein Ratschlag, den wir ständig hören.
Er klingt weise, gelassen, beinahe spirituell.
Doch was bedeutet loslassen wirklich, wenn es konkret wird?
Wenn das, was wir loslassen sollen, eine Erwartung ist?
Oder ein Schmerz, den jemand ausgelöst hat, der uns eigentlich liebt?
In meinem Leben, als neurodivergente Frau mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und feinem Gespür für Zwischentöne, hat dieser Satz viele Facetten.
Besonders dann, wenn es um Beziehungen geht, um Sichtbarkeit, ums Gesehenwerden.
Wenn du nicht sichtbar bist, obwohl du da bist
Es gibt Momente in Beziehungen, da ist man körperlich präsent, aber emotional unsichtbar.
Ein Beispiel: Dein Partner postet ein Foto von einem gemeinsamen Trip.
Er war nicht allein dort.
Du warst dabei.
Aber auf dem Bild: keine Spur von dir.
Keine Markierung.
Kein Hinweis.
Und du merkst: wenn er mit anderen unterwegs ist, macht er das anders!
Dort zeigt er: „Hier bin ich. Mit dieser Person.“
Bei dir: Funkstille.
Das verletzt.
Und es verletzt nicht, weil du eitel bist.
Sondern weil du gesehen werden willst!
Als Teil seines Lebens!
Als Mensch, der dazugehört!
Realität: Du bist nicht „zu empfindlich“
Wer neurodivergent ist oder einfach sehr fein fühlt, kennt diese innere Stimme:
„Vielleicht übertreibe ich ja.
Vielleicht ist das alles nicht so gemeint.“
Doch Verletzung ist real, auch wenn sie nicht geplant war.
Gefühle sind keine mathematischen Formeln.
Sie sind Reaktionen auf etwas, das im eigenen System nicht stimmig ist.
Die Realität ist:
Wenn jemand immer nur andere sichtbar macht, aber dich nicht, kann sich das wie ein Verleugnen anfühlen.
Und dieses Gefühl ist valide.
„Er ist nicht verantwortlich für deine Gefühle“ ja, aber …
Ein oft gehörter Satz in achtsamer Kommunikation:
„Du bist selbst verantwortlich für deine Gefühle.“
Ja und gleichzeitig:
Beziehung heißt auch, Verantwortung zu teilen.
Nicht für Gefühle, aber für Wirkung.
Wenn du dich verletzt fühlst, weil dein Gegenüber dich nicht markiert oder zeigt, dann ist das nicht seine Schuld.
Aber es ist ein Beziehungsthema.
Und es verdient, gehört zu werden.
Warum das „Loslassen“ so schwerfällt
Loslassen ist kein einmaliger Akt.
Es ist ein Prozess.
Und manchmal hängt da nicht nur ein einzelner Moment dran, sondern alte Wunden:
Nicht gesehen worden sein.
Übergangen worden sein.
Nicht dazugehören.
Gerade bei neurodivergenten Menschen ist Bindung oft tief, intensiv.
Aber auch verletzlich.
Das Loslassen fällt schwer, weil es nicht nur bedeutet, eine Situation hinter sich zu lassen.
Sondern auch, eine Hoffnung aufzugeben:
die Hoffnung, dass der andere es von selbst sieht.
Dass du nicht darum bitten musst, gesehen zu werden.
Was Loslassen nicht ist
Loslassen bedeutet nicht, dass du dir selbst einredest, dass etwas „nicht so schlimm“ war.
Es heißt nicht, dass du deine Gefühle unterdrückst oder dass du dich damit abfindest, immer der unsichtbare Teil in der Beziehung zu sein.
Loslassen heißt:
Du gibst die Kontrolle darüber ab, was der andere tut oder nicht tut.
Aber du bleibst bei dir.
Du stehst zu deinem Gefühl, sprichst es achtsam aus.
Und beobachtest, wie der andere damit umgeht.
Und dann: deine Entscheidung
Loslassen kann heißen, das Bedürfnis loszulassen, dass jemand etwas von selbst erkennen muss.
Es kann bedeuten, mutig zu sagen:
„So fühlt sich das für mich an. Wie geht es dir damit?“
Und dann zu sehen, ob der andere in Resonanz geht.
Manchmal heißt loslassen auch:
gehen.
Oder Grenzen ziehen.
Oder ein Thema ruhen lassen, weil man weiß, dass der eigene Wert nicht davon abhängt, ob jemand anderes ihn öffentlich zeigt.
Loslassen ist kein Wegschauen: es ist ein Hinsehen
Ehrlich hinschauen, sich selbst spüren, kommunizieren ist die Basis.
Loslassen kommt dann nicht aus dem Verdrängen, sondern aus Klarheit.
Wenn jemand deinen Platz in seinem Leben nicht sichtbar machen will, dann hast du jedes Recht, das zu fühlen und zu hinterfragen.
Und wenn du irgendwann beschließt, das Thema loszulassen, dann nicht, weil du es musst, sondern weil du darfst.
Für deinen eigenen inneren Frieden.
Du darfst loslassen.
Aber du musst es nicht, um „erwachsen“ oder „weise“ zu sein.
Du darfst fühlen.
Du darfst sichtbar sein wollen.
Und du darfst dich selbst nicht verleugnen, nur um nicht unbequem zu sein.






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