Im Alltag, wie zum Beispiel in Ratgebern, Therapien, Gesprächen begegnen uns ständig Ziele bzw. werden wir mit gut gemeinten Tipps konfrontiert.
Diese Ziele jedoch, und genau das kann die Herausforderung für Menschen mit ADHS sein, sind fast immer neurotypisch formuliert, klingen logisch, funktionieren jedoch nicht im echten ADHS – Alltag.

Im folgenden Blogartikel habe ich einige typische Alltagsziele Schritt für Schritt übersetzt, um diese überhaupt erst einmal nutzbar zu machen.
Nicht jedoch, um diese zu verwässern.

Ziel 1: „Ich will produktiver arbeiten“

Die neurotypische Annahme besagt, dass Produktivität durch Disziplin, Fokus und Durchhaltevermögen entsteht.
Dieses ist jedoch unklar, moralisch aufgeladen und setzt stabile Aufmerksamkeit voraus, was bei einem Menschen mit ADHS in erster Linie Druck, aber keine Handlung erzeugen und somit das Ziel scheitern lassen kann.

Ein neurotypisches Ziel könnte zum Beispiel lauten:

„Ich arbeite produktiver.“

Die ADHS – freundliche Übersetzung könnte Folgende sein:

„Ich beginne meinen Arbeitstag mit einer klar begrenzten Aufgabe, die maximal 20 Minuten dauert.“

Und die drei ADHS – freundlichen Versionen könnten folgende sein:

  • Gute – Tage – Version: eine klar definierte Aufgabe
  • Erschöpfte – Tage – Version: Arbeitsmaterial sortieren oder Überblick verschaffen
  • Minimal – Version: Arbeitsgerät öffnen und präsent sein

Denn damit misst das Ziel den Erfolg am Einstieg und nicht am Ergebnis.

Ziel 2: „Ich halte meine Wohnung ordentlicher“

Die neurotypische Annahme besagt, dass Ordnung eine Frage von Gewohnheit und Konsequenz ist.
Erschöpfung, Reizüberflutung und Entscheidungslast, welche bei Ordnung als Dauerzustand eine entscheidende Rolle spielen werden dabei jedoch ignoriert.

Ein neurotypisches Ziel könnte zum Beispiel lauten:

„Ich halte Ordnung.“

Die ADHS – freundliche Übersetzung könnte Folgende sein:

„Ich definiere wenige Bereiche, die funktional nutzbar bleiben.“

Und die drei ADHS – freundlichen Versionen könnten folgende sein:

  • Gute-Tage – Version: gezielt eine Zone aufräumen
  • Erschöpfte – Tage – Version: Dinge stapeln statt sortieren
  • Minimal – Version: Wege freimachen

Durch das Ersetzen des Ideals mit der Funktion sinkt der Druck und die Handlung kann möglich werden.

Ziel 3: „Ich will gesünder leben“

Die neurotypische Annahme besagt, dass Gesundheit durch langfristige Selbstkontrolle entsteht.
Dieses Ziel ist jedoch für Menschen mit ADHS sowohl zu abstrakt als auch zu groß und bietet keine sofortige Rückmeldung.

Ein neurotypisches Ziel könnte zum Beispiel lauten:

„Ich lebe gesünder.“

Die ADHS – freundliche Übersetzung könnte Folgende sein:

„Ich baue eine kleine gesundheitsfördernde Handlung in bestehende Abläufe ein, indem ich, zum Beispiel, wenn ich mir etwas zu trinken hole, zuerst Wasser wähle.“

Dieses Ziel ist nun konkret, kontextgebunden und sofort umsetzbar.

Ziel 4: „Ich nehme mir mehr Zeit für mich“

Die neurotypische Annahme besagt, dass Zeit verfügbar ist, wenn man sie sich nimmt, was jedoch in Belastungsphasen, aufgrund der damit verbundenen fehlenden Zeit, zum Verschwinden des Zieles führen kann.

Ein neurotypisches Ziel könnte zum Beispiel lauten:

„Ich nehme mir Zeit für mich.“

Die ADHS – freundliche Übersetzung könnte Folgende sein:

„Ich erkenne früher, wenn mein Nervensystem überlastet ist, und reagiere kurz, zum Beispiel in Form von Reizreduktion, kurze Pausen und / oder einem regulierenden Impuls darauf.“

Denn damit wird Selbstfürsorge zur Regulation und stellt keine zusätzliche Aufgabe mehr dar.

Ziel 5: „Ich bin geduldiger mit anderen“

Die neurotypische Annahme besagt, dass Geduld eine Charaktereigenschaft ist.
Geduld ist jedoch unter Reizüberflutung nicht abrufbar.

Ein neurotypisches Ziel könnte zum Beispiel lauten:

„Ich bin geduldiger.“

Die ADHS – freundliche Übersetzung könnte Folgende sein:

„Ich erkenne Überforderung früher und kommuniziere sie, bevor ich reagiere.“

Somit greift das Ziel vor der Eskalation und nicht erst danach.

Ziel 6: „Ich ziehe Dinge endlich durch“

Die neurotypische Annahme besagt, dass Durchhalten eine Frage von Willenskraft ist.
Schwankungen, Erschöpfung und Motivationsabbrüche, welche mit ADHS einhergehen, werden damit jedoch ignoriert.

Ein neurotypisches Ziel könnte zum Beispiel lauten:

„Ich ziehe Dinge durch.“

Die ADHS – freundliche Übersetzung könnte Folgende sein:

„Ich erlaube Unterbrechungen und definiere klare Wiedereinstiegspunkte.“

Die Perfektion wird damit durch die Rückkehrfähigkeit ersetzt.

Ziel 7: „Ich funktioniere besser im Alltag“

Die neurotypische Annahme besagt, dass Funktionieren erstrebenswert ist, was jedoch bei Menschen mit ADHS zu Selbstabwertung führen kann und deren Bedürfnisse ausblendet.

Ein neurotypisches Ziel könnte zum Beispiel lauten:

„Ich funktioniere besser.“

Die ADHS – freundliche Übersetzung könnte Folgende sein:

„Ich gestalte meinen Alltag so, dass er mich weniger erschöpft.“

Damit schlägt die Gestaltung die Selbstoptimierung.

Übersetzen ist ein Akt von Selbstrespekt

Diese Übersetzungen machen Ziele nicht kleiner, sondern ehrlicher.
Denn vielleicht bist du nicht gescheitert.
Vielleicht hast du bisher einfach nur mit der falschen Sprache gearbeitet.
Denn ein Ziel, das zu deinem Nervensystem passt, braucht weniger Kampf und hält länger.
Ziele dürfen sich an dich anpassen.
Nicht umgekehrt.


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