Ziele haben einen hohen moralischen Status, weswegen sie nicht als Werkzeuge, sondern als Beweis für den Charakter gesehen werden.
Wer sie verändert, gilt schnell als inkonsequent, bequem oder unzuverlässig, was besonders Menschen mit ADHS oft tief verinnerlicht haben.

Und so kann die Erlaubnis, seine eigenen Ziele zu verändern, sich so radikal und befreiend anfühlen.

Der erste Effekt: Der innere Druck sinkt spürbar

Das vielleicht Überraschendste zuerst:
wenn ein Ziel angepasst oder losgelassen wird, entsteht keine Leere, sondern Entlastung, denn der konstante innere Kommentar „Du müsstest eigentlich…“  wird leiser und der Kampf hört auf.
Was sich wie eine Kleinigkeit anhört, ist es für ein ADHS – Nervensystem ganz und gar nicht.
Denn eine Daueranspannung ist hier kein Ausnahmezustand, sondern gelebter Alltag und weniger Druck lässt mehr Regulation entstehen.

Schuld verliert ihre Steuerungsfunktion

Viele Ziele funktionieren nicht über Motivation, sondern über Schuld.
Sie treiben an, solange man sich schlecht genug fühlt.
Wenn Ziele sich nun verändern dürfen, verliert Schuld ihre Rolle als innerer Motor, was zunächst ungewohnt und manchmal sogar falsch anfühlen kann.
Doch ohne Schuld kann Raum für echte Entscheidungen entstehen und Handlungen können wieder freiwillig werden, was kein Kontrollverlust, sondern Selbstbestimmung ist.

Das Selbstbild beginnt sich zu verschieben

Wer jahrelang erlebt hat, dass er seine Ziele nicht erreicht hat, übernimmt irgendwann das Narrativ:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Wenn nun die eigenen Ziele angepasst werden, verschiebt sich das Problem vom Selbst zur Struktur:
nicht ich bin gescheitert, sondern das Ziel passte nicht.

Dieses ist kein Trick, sondern eine realistische Neubewertung, welche sich nachhaltig auf das Selbstwertgefühl auswirken kann.

Energie wird nicht mehr in Selbstkontrolle verbrannt

Ziele, die nicht passen, kosten, nicht unbedingt in der Umsetzung, sondern in der inneren Kontrolle, wenn wir uns zusammenreißen, motivieren, erinnern, korrigieren, enorm viel Energie.
Verändern wir nun unsere Ziele, fällt genau dieser Kontrollaufwand weg und die frei gewordene Energie steht plötzlich für unser tatsächliches Leben, unsere Beziehungen, Erholung und Kreativität zur Verfügung, was schon nach kurzer Zeit spürbar messbar ist.

Handlung wird wahrscheinlicher, nicht seltener

Der weit verbreitete Mythos, dass nichts mehr passiert, wenn man seine Ziele „lockert“, zeigt in der Realität oft genau das Gegenteil. Denn dadurch, dass Handlungen nicht aus Druck, sondern aus Machbarkeit entstehen, erzeugen Ziele, die an die tatsächliche Lebensrealität angepasst sind genau deshalb weniger Widerstand und werden dadurch häufiger umgesetzt.

Die Angst, sich selbst zu verlieren taucht auf

Viele Menschen haben, wenn sie sich erlauben ihre Ziele zu verändern, Angst, sich selbst zu verlieren.
Was auch absolut nachvollziehbar, jedoch meist unbegründet ist, denn die eigenen Ziele zu verändern heißt nicht, keine Werte mehr zu haben, sondern diese anders umzusetzen.
Orientierung und Stabilität kann nicht durch starre Pläne, sondern durch wiederholte ehrliche Anpassung entstehen.

Beziehungen werden ehrlicher

Unsere Ziele beeinflussen nicht nur uns selbst, sondern auch unser Verhalten gegenüber anderen.
Denn, wer ständig gegen die eigenen Ziele kämpft, ist oft gereizt, zurückgezogen oder überfordert.
Werden nun die eigenen Ziele angepasst, kann nicht nur mehr Authentizität entstehen, sondern auch Grenzen klarer und Erwartungen realistischer benannt werden, was nicht nur die eigene Person, sondern auch Partnerschaften, Familien und Arbeitsbeziehungen entlasten kann.

Erfolg wird neu definiert

Der eigene Erfolg verschiebt sich dadurch nicht nur von „durchhalten“ zu „passend leben“, sondern auch von äußeren Maßstäben zu innerer Stimmigkeit.
Was nicht bedeutet, dass die eigenen Ambitionen verschwinden. Sie werden präziser.
Womit erfolgreich nicht mehr bedeutet, wer am längsten kämpft, sondern wer früh erkennt, was funktioniert und was nicht. Erfolg ist nun leiser, aber nachhaltiger.

Rückschritte verlieren ihren Schrecken

Wenn Ziele nun flexibel sein können, verlieren Unterbrechungen ihre Macht, womit ein schlechter Tag nicht mehr soviel zerstören kann, wie wenn ein Ziel starr ist.
Abbrüche werden nun nicht mehr als Beweis für das eigene Versagen, sondern als Teil des Prozesses gewertet, was gerade für Menschen mit ADHS zentral ist.

Ziele werden wieder zu Werkzeugen

Der vielleicht wichtigste Punkt zuerst: die Ziele kehren an ihren ursprünglichen Platz zurück und sind Mittel zum Zweck, jedoch keine Identitätsmarker.
Du darfst dein Ziel verändern, pausieren oder verwerfen, ohne dass  du deinen eigenen Wert infrage stellst.

Seine Ziele zu verändern ist kein Zeichen von Schwäche

Seine eigenen Ziele, in welcher Form auch immer, zu verändern ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstkenntnis, Lernen und persönlicher Entwicklung.
Denn sowohl das Finden des richtigen Zieles als auch Ziele, die gegen das eigene Nervensystem arbeiten, können nicht nur eine Herausforderung, sondern eine enorme Belastung darstellen.


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