30 Jahre Mauerfall – „Die Erziehung zur bewußten Disziplin in der DDR „

Berliner Mauer 1961 - 1989
Berliner Mauer 1961 – 1989

30 Jahre ist es nun schon her, dass die Berliner Mauer, welche mehr als 28 Jahre bestand (vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989) die DDR von West-Berlin hermetisch abriegeln sollte. Die Berliner Mauer war die letzte Aktion der Teilung und ist somit von der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen West- (alte Bundesrepublik) und Ostdeutschland (DDR) zu unterscheiden. Sie ergänzte die 1378 Kilometer lange innerdeutsche Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, die bereits mehr als neun Jahre vorher „befestigt“ worden war, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen.

30 Jahre Mauerfall – 30 Jahre Ost – Westgeschichte

ich an der Berliner Mauer im April 2019
ich an der Berliner Mauer im April 2019

Für mich als ehemaliges DDR – Kind ein Herzensrückblick in die Erziehung, in meine Erziehung, der DDR und somit ein passender Beitrag zur Blogparade Herzgeflüster von Dr. Annette Pitzer.

Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit

Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit galt in der Gesellschaft der DDR als vorrangige politische Aufgabe. Denn von der „allseitig entwickelten Persönlichkeit“ wurde verlangt, das sie über umfassende politische, fachliche und allgemeinwissenschaftliche Kenntnisse, selbstverständlich geprägt von der marxistisch – leninistischen Weltanschauung, verfüge. Ausserdem müsse sie geistige, moralische und physische Qualitäten besitzen, sowie aktiv und bewusst die sozialistische Gesellschaftsordnung mitgestalten. Am besten natürlich auch noch schöpferisch. Selbstverständlich darf sie nicht einzelkämpferisch aktiv sein, sondern sich mit Gleichgesinnten zum großen Gemeinschaftswerk zusammen schliessen: kollektives handeln, denken, fühlen und wollen.

Da dieser Prozess nicht automatisch verläuft, bedurfte es einer dauernden ideologischen Anstrengung auf der Höhe der gestellten Anforderungen zu bleiben. Denn aus Sicht der SED handelte es sich nicht um ein Zukunftsideal, sondern um ein Ziel, dass für jeden erreichbar sei, da die sozialistische Gesellschaft die objektiven Voraussetzungen dafür geschaffen hat, so dass auch alle Erziehungsträger des Landes sich auf dieses Ziel hin verpflichtet hatten. Dieses hatte zur Folge, dass jedes Kind im Kindergarten, jeder Schüler in der Schule und auch jeder Student in den Universitäten bzw. jeder Auszubildender in den Lehrbetrieben mit dem allgemeinverbindlichen Leitbild intensiv konfrontiert wurde. Es galt die Überzeugung, dass die entscheidenden Grundlagen für die spätere Entwicklung im Kinder- und Jugendalter, durch Methoden der pädagogischen Beeinflussung, gelegt wurden. Besonders geformt wurden die weltanschaulichen Positionen zwischen dem 14. – 25. Lebensjahr.

Die „Arbeit mit der Jugend“

Der „Arbeit mit der Jugend“ galt die besondere Aufmerksamkeit von Partei und Staat und inkludierte die sozialistische Erziehung als Aufgabe der ganzen Gesellschaft.

Dieses setzte voraus, dass die älteren Menschen mit Hilfe ihrer Erfahrungen die jungen Menschen allmählich auf die Anforderungen vorbereiteten, die sie als Erwachsenen erwarteten. Man wolle einen „guten Sozialisten“ heranbilden. Ganz ohne real existierende Unterschiede, wie z.B. bei der Wahl der Kleidung oder der Musik, wo der Staat und auch die Partei Zugeständnisse machte, war es die Grundhaltung aller Verantwortlichen, die Jugend nicht daran zweifeln zu lassen in Dankbarkeit für ihr glückliches Leben in sozialer Geborgenheit aufgewachsen zu sein, zu halten und ihnen dieses auch immer wieder einzuimpfen. Die Jugend sollte begreifen, dass das gebaute Haus, in dem sie sich einrichten wollte, nur nach vorgegebener Ordnung einzurichten war.

Die Partei der Arbeiterklassse

Weil es dem historischen Fortschritt und den objektiven Gesetzmäßigkeiten entsprach, mussten alle persönlichen und politischen Probleme vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus betrachtet werden, so dass sich die Parteilichkeit sowohl in der aktiven Annahme der Bewertungen als auch in den Einschätzungen bewährten sollten.

Ihr wurde die Grundaufgabe zugewiesen, unter der Führung der SED alle Mädchen und Jungen zu klassembewußten Sozialisten zu erziehen.

In den 50 ern und 60 er Jahren hatte die Parteiführung sogar den Traum, dass die Erziehungsaufgabe leichter werden würde, wenn die Mehrheit der Bevölkerung in der neuen Ordnung wie selbstverständlich aufgewachsen sei. Von diesen Vorstellungen, die Rückstände an reaktionärem Denken wären dann verschwunden und einzig das neue Sein bestimmte das Bewußtsein, mussten sie sich aber ganz schnell trennen. Denn die Partei hielt weiter an der alten marxistisch – leninistischen Auffassung fest, dass „richtiges“ Bewußtsein NIE spontan entstehe, sondern von den Wissenden ins Volk getragen werde.

Dazu kam, dass die Politiker den Zeitraum des Aufbaus des Sozialismus nicht einhalten konnten, so dass es eine Zeit des Übergangs geben musste, in der mehrere Generationen nacheinander unter ähnlichen Bedingungen leben und arbeiten mussten. Dieses missfiel vor allem den älteren Kommunisten.

Die Doppelgleisigkeit der Jugendlichen

Die Schule reagierte mit einer intensiveren Erziehung zu „normgerechten Verhalten“. Da die Lehrer mit ihren Beurteilungen für die weitere Karriere eines jeden Schülers entscheidend waren, gab es ein Wohlverhalten unter den Schülern – zumindest in der Schule sagten und schrieben sie das Erwünschte. Viele Lehrer gaben sich damit auch zufrieden.

Unter den Funktionären wurde diese Doppelgleisigkeit im Verhalten der Jugendlichen aber nicht gut geheißen. Denn es blieb nicht im Verborgenen, dass schon während der Pause anders geredet wurde als noch ein paar Minuten vorher im Unterricht. Unter den Kollegen beklagten sich die linientreuen Lehrer zwar, dass die Erkenntnisse in den Arbeiten niedergeschrieben wurden aber sie weder verinnerlicht noch für das eigene Handeln die Schlußfolgerungen draus gezogen wurden.

Da es jedoch nur wichtig war, dass das Klassenzimmer kein Ort der freien Meinungsäußerung darstellte, war es nicht wichtig, die Ursachen für diesen Zustand offen zu benennen.

Der Klassenstandpunkt

Der Klassenstandpunkt war ein Platz auf dem Schulhof, an dem sich jeden Morgen die Schülerinnen und Schüler zum Fahnenappell versammelten und dann gemeinsam, als Kollektiv, in das Klassenzimmer gingen. Denn schließlich müsse ja jeder wissen, wo sein Platz ist.

Unterstützt wurde das Ganze durch das Singen von zwei FDJ-Liedern: „Du hast ja ein Ziel vor den Augen, damit du auf der Welt dich nicht irrst“ und „Sag mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst“.

Das eigene Individuum

Da die DDR Bravsein und Wohlverhalten belohnte, wurden Tugenden wie Selbstständigkeit, Verantwortungsbewußtsein und auch Schöpfertum schließlich zum Mangel.

Denn nur durch fleißiges Lernen und gute Arbeit im Kollektiv sollten die „sozialistischen Persönlichkeiten“ heranreifen.

So, dass der gesellschaftliche Rahmen die Möglichkeiten in der Praxis sehr einengte, sich als ein eigenständiges Individuum zu begreifen und gemäß der eigenen Überzeugung zu handeln.

5 Kommentare zu „30 Jahre Mauerfall – „Die Erziehung zur bewußten Disziplin in der DDR „

  1. Ein sehr interessanter Text, vor allem auch für mich als im Westen sozialisierter Mensch. Mich hätte noch interessiert, was du als Konsequenz dieser Erziehung bei Jugendlichen, aber auch den späteren Erwachsenen wahrnimmst. „Die Geborgenheit des sozialistischen Staates“ – hier kommt mir spontan die Frage nach dem Preis dieser Geborgenheit, z.B. konkrete Repressalien bei nicht-systemkonformem Verhalten.

    Und mich interessiert, inwiefern du das Ganze mit den „Herzthema“ der Blogparade verbindest. Vielleicht magst du mir ja nochmal antworten?

    Herzlichen Gruß, Sarah

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    1. Vielen lieben Dank für deine Rückmeldung.
      In erster Linie fällt mir auf, dass heutige Erwachsene weniger an sich selbst denken und glauben, da sie der Ansicht sind, dass dieses Egoismus ist (das Wort Selbstliebe kennen nur die Wenigsten).
      Auch denken sie vermehrt an die Gesellschaft und was ihr ihr Verhalten bringen mag, statt zu schauen, was ihr Verhalten mit ihnen selbst macht.
      Das eigene Handeln steht nicht im Vordergrund, auch nicht das eigene Glück und die Zufriedenheit.
      Dazu kam noch, dass du von klein an eingeimpft bekamst mit niemandem über deine Familie und deren Belangen zu reden bzw niemanden zu vertrauen. Dieses ist bei manchen Menschen bis ins Erwachsenenalter in Beziehungen zu spüren.

      Bei nicht – systemkonformem Verhalten musstest du mit dem Besuch der Stasi zu Hause rechnen bzw mit dem Abholen der Person und einem Verhör.

      Für mich ist es, wie in der Einleitung auch stehend, ein Herzensthema, da ich selbst ein DDR- Kind bin und nur weil die Mauer fiel, hat sich noch lange nichts im System geändert.
      In vielerlei Köpfen steht sie leider heute noch und dieses ist am Charakter auch spürbar.
      Auch ist es ein Teil unserer Landesgeschichte, in der Menschen manipuliert und für das große Ganze Klein gehalten wurden.
      Wollen wir das für die nachfolgenden Generationen auch?
      In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Was wünschen wir uns von unseren Kindern?
      Lg Maria

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      1. „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Was wünschen wir uns von unseren Kindern?“ Das sind genau Fragen, wie ich sie mir auch stelle. Danke für deine Antwort und nochmals für die Anregung zu eigenen Gedanken durch deinen Beitrag!🙂 Lg, Sarah

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  2. Ein großartiger Artikel, mit dem Du an der Blogparade „Herzgeflüster“ teilnimmst, danke. Ich freue mich ganz besonders, da das Thema sich sehr von meinen Themen unterscheidet. Das zeigt, das Herzgeschichten so vielfältig sind.
    Alles Liebe
    Annette

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    1. Vielen lieben Dank für deine Rückmeldung.
      Ich habe tatsächlich überlegt, ob es zu deiner Blogparade passt.
      Lg Maria

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