Wenn Menschen von ihren unfertigen Projekten, so wie es der Titel der Blogparade von Alexandra Bohlmann ist, sprechen, denken die meisten an halb gestrichene Wände, angefangene Bücher, kreative Ideen oder den Garten, der seit Monaten auf Aufmerksamkeit wartet.
Ich denke an einen Körper.
An einen Körper, der vor wenigen Wochen nicht mehr aufstehen konnte.
An einen Nerv, der sich bis heute anfühlt, als gehöre er nicht zu mir.
An Muskeln, die erst wieder lernen müssen, was sie jahrzehntelang selbstverständlich konnten.
Mein unfertiges Projekt trägt keinen Namen.
Es hat weder eine Deadline, noch weiß ich, wann es abgeschlossen sein wird.
Ich weiß nur eines:
es ist das bedeutendste Projekt meines bisherigen Lebens.
„Du bist doch wieder zu Hause.“
Nach 35 Tagen Krankenhaus sagten einige Menschen zu mir:
„Jetzt bist du endlich wieder zu Hause.“
Ja. Ich bin wieder zu Hause. Ich bin wieder in meiner Wohnung.
Aber ich bin noch längst nicht wieder in meinem Leben angekommen.
Zu Hause zu sein bedeutet nicht, gesund zu sein.
Es bedeutet nicht, wieder arbeiten zu können.
Es bedeutet nicht, wieder spontan spazieren gehen oder den Einkauf tragen zu können oder einfach aufzustehen, ohne darüber nachzudenken.
Viele Menschen setzen Entlassung mit Genesung gleich.
Dabei beginnt die eigentliche Arbeit häufig erst dann.
Heilung ist kein Ziel. Heilung ist Schwerstarbeit.
Vor meiner Erkrankung dachte ich, der Körper heilt einfach.
Doch heute weiß ich:
Heilung ist Arbeit.
Tägliche Übungen.
Schmerzen aushalten.
Geduld aufbringen.
Rückschläge akzeptieren.
Und am nächsten Morgen trotzdem wieder weiterzumachen.
Es gibt keinen Urlaub von der Rehabilitation.
Kein Wochenende.
Keine Pause.
Der Nerv weiß nicht, dass Sonntag ist.
Die Muskulatur interessiert sich nicht dafür, ob ich müde bin.
Mein Körper verlangt jeden Tag dieselbe Antwort:
„Mach weiter.“
Die größten Erfolge sehen von außen lächerlich klein aus
Vor einigen Wochen war mein größtes Erfolgserlebnis:
drei Zentimeter.
Drei Zentimeter konnte ich mein ausgestrecktes rechtes Bein wieder anheben.
Ich habe geweint.
Nicht aus Schmerz.
Sondern vor Erleichterung.
Später waren es fünf Schritte.
Dann 112 Schritte.
Dann das erste selbstständige Duschen. Sitzend auf einem Duschstuhl.
Am 21. Krankenhaustag die ersten Schritte am Taurus. Zwei Tage später am Rollator und am 34. Krankenhaustag die ersten freien Schritte.
Dann der erste Spaziergang ohne Krücken.
Wer nur das Ergebnis sieht, erkennt den Weg nicht.
Aber genau dieser Weg besteht aus hunderten unscheinbaren Erfolgen.
Muskeln verschwinden schneller, als wir glauben. Hoffnung zum Glück nicht.
Wo früher Kraft war, ist heute Arbeit.
Meine Beine tragen mich wieder.
Aber sie ermüden schnell.
Meine Ausdauer ist weit entfernt von dem, was sie einmal war.
Jede Übung kostet Energie.
Jeder Spaziergang fordert meinen Körper.
Und trotzdem wächst mit jedem Training etwas, das sich nicht messen lässt:
Vertrauen.
Vertrauen in meinen Körper, der mich wochenlang im Stich gelassen zu haben schien.
Dabei hat er nicht aufgegeben.
Er hat gekämpft.
Und kämpft bis heute.
Doch die Waage erzählt nicht die ganze Wahrheit
Während viele Menschen versuchen abzunehmen, kämpfe ich darum, überhaupt zuzunehmen.
Muskelaufbau braucht Energie.
Heilung braucht Energie.
Eine bakterielle Entzündung der Wirbelsäule, zwei Operationen innerhalb drei Tagen und Wochen der Bettlägerigkeit haben meinem Körper Reserven genommen.
Jede zusätzliche Bewegung verbraucht Kalorien.
Jeder neue Muskel möchte versorgt werden.
Untergewicht ist dabei kein Schönheitsideal.
Es ist eine zusätzliche Herausforderung.
Denn mein Körper baut auf und verbraucht gleichzeitig fast alles, was ich ihm zuführe.
Ein Nerv kennt keinen Terminkalender.
Bis heute spüre ich die Dehnung im rechten Bein deutlich.
Bei jeder Krankengymnastik.
Bei vielen Übungen zu Hause.
Bei manchen Bewegungen erinnert mich der Nerv daran, dass er noch heilt.
Denn Nerven lassen sich weder antreiben noch motivieren.
Sie wachsen nicht schneller, weil ich es mir wünsche.
Sie brauchen Zeit.
So, dass Geduld vermutlich zu den schwierigsten Muskeln gehört, die ich gerade trainiere.
Nicht jeder Fortschritt fühlt sich wie Fortschritt an.
Ich kann heute wieder ohne Krücken spazieren gehen.
Ich kann selbstständig vom Sitzen aufstehen.
Ich komme alleine in die Hocke.
Manchmal komme ich sogar wieder ohne Abstützen hoch.
Und trotzdem fühlt es sich, weil mein Blick immer auf das gerichtet ist, was noch nicht funktioniert oft so an, als würde ich auf der Stelle treten:
Drehbewegungen sind langsam.
Die Kraft reicht noch nicht.
Die Ausdauer fehlt.
Unser Gehirn misst Fortschritt oft an der verbleibenden Strecke.
Nicht jedoch an dem Weg, der bereits geschafft ist.
Gesellschaft liebt fertige Geschichten. Das Leben schreibt unfertige.
Wir feiern Menschen auf dem Gipfel.
Doch selten begleiten wir sie beim Aufstieg.
Wir lesen gern Erfolgsgeschichten.
Aber kaum jemand interessiert sich für die Wochen voller Zweifel. Voller Ängste. Voller schlafloser Nächte.
Für die Tage, an denen dieselbe Übung plötzlich schlechter gelingt als gestern.
Für den Frust.
Für die Angst.
Für die Erschöpfung.
Dabei entstehen genau dort die Geschichten, die Mut machen:
Nämlich nicht am Ende, sondern mittendrin.
Mein unfertiges Projekt heißt Vertrauen.
Ich lerne gerade nicht nur wieder laufen.
Ich lerne auch, meinem Körper wieder zu vertrauen.
Darauf zu vertrauen, dass ein schmerzender Muskel nicht automatisch Gefahr bedeutet.
Dass ein müder Tag kein Rückschritt sein muss.
Dass langsamer manchmal klüger ist als schneller.
Ich lerne, Erfolge nicht mehr an Kilometern zu messen.
Sondern an Zentimetern.
An Bewegungen.
An Möglichkeiten.
An Momenten.
Vielleicht bleiben wir alle ein unfertiges Projekt?
Lange dachte ich, irgendwann würde der Moment kommen, an dem ich sagen kann:
„Jetzt bin ich fertig.“
Heute glaube ich das nicht mehr.
Vielleicht ist das Leben ja gar nicht dafür gedacht.
Vielleicht sind wir alle Baustellen.
Manche sichtbar.
Manche unsichtbar.
Manche körperlich.
Manche seelisch.
Der Unterschied ist nur:
manche verstecken ihre unfertigen Projekte.
Doch ich habe beschlossen, meines zu zeigen.
Nicht, weil es perfekt ist, sondern weil genau darin seine Kraft liegt.
Und morgen beginne ich wieder von vorn
Mein unfertiges Projekt besteht nicht aus Ziegelsteinen, Farbe oder Papier.
Es besteht aus Nerven, Muskeln, Narben, Geduld, Rückschlägen und Hoffnung.
Es wird noch viele Monate brauchen.
Vielleicht sogar länger.
Und trotzdem ist jeder Schritt, den ich heute gehe, ein Teil dieses Projekts.
Nicht, weil ich bereits angekommen bin, sondern weil ich mich entschieden habe, trotz aller Umwege weiterzugehen.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Blogparade:
Unfertige Projekte sind kein Zeichen des Scheiterns:
sie sind der sichtbar gewordene Beweis dafür, dass wir den Mut hatten, überhaupt zu beginnen.





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