„Investment.“
Ein Wort, das nicht nur der Impuls der 72. Blognacht darstellt, sondern auch sehr nach Börse klingt.
Nach Aktien.
ETFs.
Kursen.
Rendite.
Depots.
Altersvorsorge.
Vielleicht auch nach Menschen, die morgens aufstehen und bereits wissen, was der DAX gestern gemacht hat.
Aber Investment bedeutet eigentlich viel mehr.
Wir investieren ständig.
Zeit.
Energie.
Aufmerksamkeit.
Vertrauen.
Liebe.
Geduld.
Hoffnung.
Und natürlich Geld.
Denn gerade beim Thema ADHS wird häufig nur dann über Geld gesprochen, wenn etwas schiefgeht:
Impulskäufe, vergessene Rechnungen, Mahnungen, Schulden oder die Frage, warum am Monatsende schon wieder weniger Geld übrig ist als gedacht.
Tatsächlich wurde in einer Studie mit 45 Erwachsenen mit ADHS und 51 Kontrollpersonen unter anderem häufiger Impulskäufe, spontanere beziehungsweise vermeidende Entscheidungsstile, weniger Sparen und eine insgesamt schwierigere finanzielle Situation beobachtet.
Eine größere Bevölkerungsstudie mit 1.292 Teilnehmenden fand ebenfalls Zusammenhänge zwischen erhöhten ADHS – Symptomen, impulsivem Kaufen und bestimmten ungünstigen Finanzentscheidungsstilen.
Wobei Persönlichkeit, depressive Symptome und demografische Faktoren einen Teil dieser Zusammenhänge mit erklären konnten.
Und dann wird es interessant.
Denn Investment bedeutet nicht automatisch die Frage, wie man reicher wird, sondern vielleicht eher die Frage, worin ich eigentlich in meinem Leben investiere und ob ich dafür das zurück bekommen, was ich wirklich brauche.
Denn wir können unser Geld investieren und unser Leben dabei völlig vergessen:
Wir können in Aktien investieren und gleichzeitig unsere Gesundheit aufbrauchen.
Wir können fürs Alter sparen und dabei die Gegenwart verlieren.
Wir können ständig in andere Menschen investieren und selbst auf Reserve laufen.
Und wir können jeden Euro optimieren, während wir unsere Aufmerksamkeit, unsere Zeit und unsere Energie verschwenden.
ADHS & Investment ist nicht nur eine Geschichte über Geld, sondern eine Geschichte darüber, was uns etwas wert ist.
Investment klingt zunächst nach einer Entscheidung für die Zukunft:
ich verzichte heute auf einen Teil meines Geldes, damit ich später mehr davon habe.
Das Prinzip ist simpel, die Umsetzung jedoch nicht.
Denn Investitionen setzen voraus, dass wir die Gegenwart zugunsten einer ungewissen Zukunft bewerten können, was mit ADHS aufgrund der Schwierigkeiten bei Entscheidungen mit zukünftigen Konsequenzen sowie Unterschiede bei finanzieller Kompetenz und Entscheidungsfähigkeit herausfordernd werden kann.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen mit ADHS grundsätzlich schlecht mit Geld umgehen geschweige denn nicht investieren können.
Es bedeutet vielmehr, dass finanzielle Entscheidungen zusätzliche Anforderungen an genau jene Fähigkeiten, wie planen, warten, Risiken einschätzen, Konsequenzen berücksichtigen und nicht sofort handeln können, stellen können, die im Alltag ohnehin Energie kosten können, was für ein neurotypisches Gehirn schon anspruchsvoll sein kann, kann für ein neurodivergentes Gehirn noch anspruchsvoller sein, da die Ergebnisse vielleicht erst in zehn oder zwanzig Jahren sichtbar werden.
Die Börse ist ein ziemlich guter Spielplatz für ein Gehirn, das Neuigkeiten liebt
Jetzt wird es unangenehm.
Denn die Börse liefert genau das, was Aufmerksamkeit zuverlässig fesseln kann:
- Bewegung,
- Neuigkeiten,
- Gewinne,
- Verluste,
- Überraschungen,
- Benachrichtigungen,
- Charts,
- Prognosen,
- Breaking News.
Die ständige Möglichkeit, dass gleich etwas passiert, kann faszinierend und gleichzeitig gefährlich sein.
Denn langfristiges Investieren ist eigentlich ziemlich langweilig:
breit streuen und regelmäßig investieren sowie Kosten niedrig zu halten und nicht ständig zu reagieren, genauso wie dem ganzen Zeit zu geben, klingt eher nach warten als nach Nervenkitzel.
Und Warten ist nicht unbedingt das, wofür Finanzplattformen besonders viel Werbung machen.
Wenn Investieren zum nächsten Hyperfokus wird
Und dann gibt es die andere Seite:
- ein YouTube-Video,
- dann noch eines,
- ein Podcast,
- ein Finanzforum,
- ein ETF – Vergleich,
- eine Excel – Tabelle,
- ein Depot,
- ein Aktienkurs,
- noch ein Vergleich,
- und noch ein Artikel.
Und plötzlich ist es 2:17 Uhr.
Das Problem ist jedoch nicht, sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen.
Ganz im Gegenteil sogar.
Denn gründliche Recherche kann eine Stärke sein.
Das Problem beginnt jedoch dort, wo Interesse und Risikobewertung miteinander verwechselt werden.
Denn weder bedeutet viel Wissen über ein Finanzprodukt automatisch, dass die Entscheidung gut ist, noch schützt ein hundertseitiger Vergleich verschiedener ETFs nicht davor, eine Anlageentscheidung emotional zu treffen.
Information ist schließlich nicht dasselbe wie Sicherheit.
Der gefährlichste Satz lautet: „Ich habe mich da richtig reingesteigert.“
Hyperfokus kann sich großartig anfühlen:
endlich ist etwas interessant.
Endlich ergibt alles Sinn.
Endlich ist da dieses Gefühl, es verstanden zu haben.
Doch Finanzmärkte sind komplex.
Niemand kann ihre zukünftige Entwicklung sicher vorhersagen, was einen intensiveren Fokus zu einer Falle werden lassen kann.
Denn je mehr Zeit wir investieren, desto größer kann die emotionale Bindung an eine Entscheidung werden.
Zwar kann eine Recherche die Unsicherheit reduzieren, jedoch nicht abschaffen.
Daher weist die Verbraucherzentrale ausdrücklich darauf hin, dass Aktien und Aktien – ETFs erheblichen Wertschwankungen unterliegen und auch breit gestreute Anlagen zeitweise sehr stark fallen können.
FOMO ist kein Investmentkonzept
„Fear of missing out.“ – die Angst, etwas zu verpassen.
Eine Aktie steigt und alle reden darüber.
Social Media ist voll davon.
Jemand hat angeblich aus 500 Euro 50.000 gemacht und plötzlich fühlt sich Nichtstun wie ein Fehler an.
Doch nicht investiert zu haben ist nicht automatisch ein Verlust.
Du hast nur dann einen Verlust, wenn du Geld eingesetzt hast und dieses an Wert verliert.
Der entgangene mögliche Gewinn ist jedoch etwas anderes.
Das klingt banal.
Ist aber psychologisch enorm wichtig.
Denn FOMO macht aus einer freiwilligen Entscheidung plötzlich einen gefühlten Notfall.
Und dieser ist bekanntlich selten der beste Zeitpunkt für langfristige Vermögensentscheidungen.
„Diversifikation ist langweilig.“
Eine vernünftige langfristige Geldanlage ist häufig ziemlich langweilig, woraufhin die Verbraucherzentrale bei Aktienanlagen eine breite Streuung über viele Unternehmen, Länder und Branchen, um das Risiko einzelner Anlagen zu reduzieren, empfiehlt.
Du musst also weder herausfinden, welches Unternehmen morgen explodiert, noch jeden Börsentag verfolgen, geschweige denn jede Nachricht analysieren oder auf jede Kursbewegung reagieren.
Du kannst einen Teil der Entscheidung an das System delegieren und so nicht jede gute Entscheidung jeden Tag neu treffen.
Der beste Investmentplan ist vielleicht der, den du nicht ständig anfassen musst
Wenn ein System davon abhängt, dass du jeden Monat hochmotiviert bist, alles zu kontrollieren, alle Nachrichten liest und dich zuverlässig an deine eigenen Regeln hälst, dann ist es kein besonders robustes System.
Denn ein System sollte auch an schlechten Tagen funktionieren.
Genau deshalb können Automatisierungen, wie ein fester Sparplan, sinnvoll sein.
Nicht weil Automatisierung magisch wäre, sondern weil sie Entscheidungen reduziert und diese Energie sind.
Aber auch ein ETF ist kein magischer Geldautomat
ETFs sind kein risikoloser Sparstrumpf, denn sie schwanken und können deutlich fallen, was die Verbraucherzentrale zum Anlass genommen hat, daraufhinzuweisen, dass selbst weltweit gestreute Aktienanlagen historisch zeitweise Verluste von bis zu 50 Prozent erlebt haben und Verlustphasen lange dauern können.
Und genau das ist für Menschen mit ADHS besonders relevant.
Denn die größte Gefahr ist nicht unbedingt der Kursverlust selbst, sondern die kurzfristigen Kursbewegungen, welche starken Handlungsdruck auslösen:
Kaufen, weil es steigt.
Verkaufen, weil es fällt.
Dann wieder kaufen, weil es wieder steigt.
Ständig reagieren.
Ständig kontrollieren.
Ständig Entscheidungen treffen.
Und am Ende genau das Gegenteil von dem tun, was der ursprüngliche langfristige Plan vorgesehen hatte.
Vielleicht ist „Buy and Hold“ emotional viel schwieriger als mathematisch
Langfristig investieren klingt einfach, kann aber emotional brutal sein.
Du kaufst. Dann fällt der Markt.
Du schaust ins Depot. Minus.
Noch mehr Minus.
Und plötzlich fühlt sich nichtstun wie Untätigkeit an.
Was genau die geplante Strategie sein kann.
Denn manchmal besteht die richtige Handlung darin, keine Handlung vorzunehmen.
Nicht nur beim Investieren, auch bei ADHS.
Das größte Investmentrisiko könnte dein eigenes Verhalten sein
Ständig sprechen wir über Markt – Risiken, Kursrisiken, Inflation, Zinsrisiken und / oder Währungsrisiken.
Doch, wie hoch das eigene persönliche Verhaltensrisiko ist, wird, obwohl die passende Anlagestrategie nicht nur zum Markt, sondern zu dem Menschen passen muss, der sie durchhalten soll, selten in Frage gestellt.
Ebenfalls betont auch die Verbraucherzentrale, dass Anlageentscheidungen zur persönlichen Risikobereitschaft und zum Anlageziel passen müssen.
Und dann gibt es noch eine ganz andere Art von Investment
Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich dieser Artikel von klassischen Finanzartikeln unterscheiden sollte.
Denn Geld ist nicht das einzige, was wir investieren.
Wir investieren Zeit in Menschen.
Aufmerksamkeit in soziale Medien.
Energie in Arbeit.
Emotionen in Beziehungen.
Hoffnung in Projekte.
Und manchmal investieren Menschen mit ADHS unglaublich viel in Dinge, die ihnen kaum etwas zurückgeben, wie zum Beispiel das beantworten jeder Nachricht, das Übernehmen zusätzlicher Aufgaben, das Retten von Projekten und das am Laufen halten von Beziehungen bzw. jedem zu Helfen und merken erst viel zu spät wie leer ihre Lebensenergie doch ist.
Manche Menschen investieren in ihre Zukunft und vergessen dabei ihre Gegenwart
Altersvorsorge ist genau so wichtig wie die finanziellen Rücklagen.
Und auch der Vermögensaufbau kann sinnvoll sein.
Aber hier braucht es Augenmaß.
Es geht also nicht darum, die Zukunft gegen die Gegenwart auszuspielen, sondern um deren Balance.
Denn was bringt es, jeden verfügbaren Euro für das Jahr 2055 zurückzulegen, wenn das Leben im Jahr 2026 kaum noch stattfindet?
Vielleicht ist Zeit die wertvollste Anlageklasse
Geld kann zurückkommen.
Zeit jedoch nicht.
Eine Aktie kann steigen und fallen, womit man entweder Geld verliert oder verdient.
Ein Jahr jedoch, indem man dauerhaft über seine Grenzen gelebt hat, lässt sich nicht zurückkaufen.
Weshalb eine Stunde Schlaf manchmal ein besseres Investment als eine weitere Stunde Börsenanalyse ist und ein Spaziergang wertvoller sein kann als der Versuch, den perfekten Einstiegszeitpunkt zu finden.
Genauso wie eine Therapie, ein gutes Gespräch, eine Freundschaft, eine gelebte Grenze bzw. ein Nachmittag ohne Verpflichtungen keine verlorenen Stunden, sondern Investitionen in das System sind, das überhaupt erst dafür sorgt, dass du dein Leben führen kannst.
Vielleicht ist Selbstfürsorge die langweiligste und gleichzeitig wichtigste Rendite
Wir wollen Ergebnisse.
Und am besten sofort.
Mehr Geld.
Mehr Leistung.
Mehr Produktivität.
Mehr Erfolg.
Aber viele der wichtigsten Dinge funktionieren genau andersherum.
Schlaf.
Bewegung.
Beziehungen.
Erholung.
Ausgewogene Ernährung.
Pausen.
Sie zahlen jedoch keine spektakuläre Rendite aus, sondern verhindern etwas viel Wichtigeres:
dass wir irgendwann alles verlieren.
Und vielleicht ist das die unterschätzte Form von Investment:
In Dinge zu investieren, die wir weder auf später verschieben, noch deren Bedürfnisse wir heute ignorieren und deren Wert nicht auf einem Kontoauszug erscheint.
Denn worin möchtest du am Ende deines Lebens reich sein?
Und für wen und für was arbeitest du eigentlich jeden Tag?





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