Es gibt Dinge, die wir nicht besonders gerne machen, wie zum Beispiel

  • Wäsche zusammenlegen.
  • Staubsaugen,
  • das Bad putzen
  • Geschirr spülen,
  • Müll rausbringen,
  • Bettwäsche wechseln,
  • einkaufen,
  • Lebensmittel aufbrauchen, bevor sie schlecht werden,
  • Rechnungen bezahlen oder
  • den Kühlschrank reinigen.

Haushaltstätigkeiten eben.
Doch genau über diese und wie viel geistige Arbeit in all diesen scheinbar banalen Dingen steckt, wird so selten gesprochen.
Denn ein Haushalt besteht nicht nur daraus, einen Staubsauger einzuschalten.
Er besteht aus Wahrnehmen.
Planen.
Priorisieren.
Erinnern.
Beginnen.
Dranbleiben.
Unterbrechen.
Wechseln.
Entscheiden.
Kontrollieren.

Für Menschen mit ADHS kann genau diese unsichtbare Kette, nicht aus Faulheit oder weil ihnen Sauberkeit egal ist beziehungsweise sie „es einfach nicht gelernt haben“, zur täglichen Herausforderung werden.

Denn die Forschung zeigt, dass Erwachsene mit ADHS Schwierigkeiten in verschiedenen Bereichen wie der Aufmerksamkeit, der Verarbeitungsgeschwindigkeit und den exekutiven Funktionen haben.
Tätigkeiten des täglichen Lebens wie Terminplanung, Einkaufen, Haushaltsorganisation oder finanzielle Aufgaben sowie Struktur und Routinen sind jedoch stark von exekutiven Funktionen abhängig.

Der Haushalt ist also nicht einfach eine Sammlung von Aufgaben, sondern ein permanentes exekutives Funktionsprojekt, bei dem nicht das Wissen, was zu tun ist, das Problem ist, sondern den gesamten Prozess vom Wahrnehmen bis zum Abschluss überhaupt zuverlässig in Gang zu bekommen.

„Du musst doch nur putzen.“

„Mach einfach sauber.“
Dieser Satz klingt nach einer einzigen Aufgabe.
Ist es aber nicht!
Denn was bedeutet „sauber machen“?
Staubsaugen?
Wischen?

Bad?
Küche?

Fenster?
Wäsche?
Müll?
Oberflächen?

Und womit fängt man an?
Was ist dringend?
Was kann warten?
Wie lange dauert das?
Wo ist der Staubsauger?
Ist noch Waschmittel da?
Wann muss die Waschmaschine fertig sein?
Und wenn ich jetzt anfange: was mache ich mit dem Zeug, das auf dem Boden liegt?

Plötzlich ist aus „sauber machen“ eine ganze Aufgabenlandschaft geworden, die aus vielen kleinen exekutiven Entscheidungen besteht.

Vielleicht braucht also jemand nicht mehr Motivation, sondern einfach weniger Entscheidungen.

Der Haushalt ist niemals fertig und genau das ist brutal

Eine Steuererklärung ist irgendwann abgegeben.
Ein Projekt irgendwann abgeschlossen.
Ein Buch irgendwann gelesen.
Eine Prüfung irgendwann bestanden.

Aber der Haushalt?

Kaum ist die Küche sauber, wird wieder gegessen.
Kaum ist Wäsche gewaschen, wird wieder Kleidung getragen.
Kaum ist der Müll draußen, entsteht neuer.
Kaum ist das Bad sauber, wird wieder geduscht.

Der Haushalt ist eine Endlosschleife.

Und genau darin liegt eine besondere Schwierigkeit.

Denn es gibt keinen finalen Erfolgsmoment.
Menschen mit ADHS profitieren jedoch häufig von Aufgaben, die unmittelbar interessant, neu oder belohnend sind.
Der Haushalt ist aber genau das Gegenteil:
Wiederholung.
Verzögerte Belohnung.
Unsichtbare Ergebnisse.
Und eine Aufgabe, die morgen wieder von vorne beginnt.

Sauberkeit ist nicht dasselbe wie Fähigkeit

Vielleicht müssen wir diesen Unterschied endlich ernst nehmen.

Ein Mensch kann Ordnung lieben und trotzdem in einem unordentlichen Zuhause leben.
Er kann sich über herumliegende Dinge ärgern.
Sich schämen.
Sich vor Besuch fürchten.
Und trotzdem nicht in der Lage sein, den Zustand zuverlässig zu verändern.

Das klingt im ersten Moment widersprüchlich.
Ist es aber nicht.

Denn wollen und können sind nicht dasselbe.

Gerade bei ADHS kann die Diskrepanz zwischen Absicht und Umsetzung erheblich sein.
Denn auf der einen Seite kann das Organisieren und Bewältigen alltäglicher Aufgaben eine Herausforderung sein und auf der anderen Seite führt das Gelingen dieser zu einem befriedigenden Gefühl.

Das widerum bedeutet aber nicht, dass jeder chaotische Haushalt etwas über die Einstellung seines Bewohners erzählt.
Manchmal erzählt er auch etwas über dessen Belastungsgrenze.

„Aber du kannst es doch, wenn du willst!“

Und dann passiert etwas, das Menschen mit ADHS besonders verzweifeln lassen kann:

Der Haushalt eskaliert.
Und plötzlich kommt dieser eine Tag.
Vielleicht Samstag.
Vielleicht nach einer Nacht mit besonders viel Energie.
Vielleicht nach einem emotionalen Schubs.
Vielleicht weil Besuch angekündigt wurde.

Und plötzlich wird in vier Stunden die gesamte Wohnung auf links gedreht.

Wäsche.
Küche.
Bad.
Staubsauger.
Müll.
Alles.

Deine Wohnung gleicht die einer Wohnung aus einem Einrichtungskatalog.
„Na siehst du. Du kannst es doch!“
Nein! Eben nich!!

Dieser eine Tag beweist nicht, dass die Schwierigkeiten vorher erfunden waren.
Er beweist lediglich, dass Fähigkeit und zuverlässige Verfügbarkeit zwei verschiedene Dinge sind.

Ein Mensch kann etwas grundsätzlich können und trotzdem Schwierigkeiten haben, diese Fähigkeit regelmäßig abzurufen und genau deshalb sind Alltagsschwierigkeiten bei ADHS nicht mit mangelndem Wissen gleichzusetzen.

Der Besen ist nicht das Problem. Der Übergang ist es.

Manchmal liegt die Schwierigkeit nicht einmal in der Tätigkeit selbst, sondern im Anfangen.

Du sitzt auf dem Sofa.
Du weißt, dass gesaugt werden muss.
Du siehst den Staubsauger.
Du denkst darüber nach.
Du willst anfangen.

Aber zwischen „Ich sollte jetzt saugen“ und „Ich stehe auf und sauge“ liegt plötzlich eine unsichtbare Wand, welche häufig als mangelnde Motivation missverstanden wird.
Dabei können Initiierung und Aufgabenwechsel bei exekutiven Schwierigkeiten besonders herausfordernd sein.

Und obendrauf kommt noch das Sichtbarkeitsproblem

Ein sauberer Haushalt fällt kaum auf.
Ein dreckiger dagegen sofort.

Niemand kommt herein und sagt:
„Wow, deine Küche ist heute erstaunlich gut organisiert.“
Es wird einfach erwartet.

Und genau das macht Haushaltsarbeit zu einer der undankbarsten Tätigkeiten überhaupt.
Sie produziert häufig keinen langfristigen sichtbaren Gewinn, sondern verhindert lediglich, dass etwas schlechter wird, was gerade für ein Gehirn schwierig sein kann, das stark auf unmittelbare Rückmeldung reagiert.

Warum soll ich heute 45 Minuten putzen, wenn morgen wieder Krümel auf dem Boden liegen?
Warum soll ich die Wäsche falten, wenn sie in drei Tagen wieder getragen wird?
Warum muss ich den Kühlschrank reinigen, wenn niemand danach applaudiert?

Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS keine Verantwortung übernehmen wollen.
Es bedeutet lediglich, dass die Belohnungsstruktur des Haushalts miserabel ist.

„Bei anderen sieht es doch auch ordentlich aus.“

Wir vergleichen häufig unsere Wohnung mit Wohnungen anderer Menschen.

Was wir jedoch nicht sehen ist,

  • Wer dort putzt.
  • Wie oft.
  • Wie lange.
  • Ob jemand Unterstützung hat.
  • Ob jemand einen Partner hat, der den Haushalt übernimmt.
  • Ob Kinder mithelfen.
  • Ob Reinigungskräfte kommen.
  • Ob die Person gerade Urlaub hat.
  • Oder ob hinter der perfekt aufgeräumten Wohnung einfach ein enormer Aufwand steckt.

Soziale Vergleiche können deshalb gnadenlos unfair sein.
Denn aus dem Vergleich deines Alltags mit dem sichtbaren Ergebnis eines anderen Menschen machst du eine Aussage über deinen eigenen Charakter.

Das besonders perfide Wort heißt: „Normal“

Was ist eigentlich ein normaler Haushalt?
Wie sauber muss eine Wohnung sein?
Wie oft muss man staubsaugen?
Wie häufig muss das Bad gereinigt werden?
Muss jedes Kleidungsstück gefaltet sein?
Müssen Oberflächen leer sein?
Müssen Bücher nach Farben sortiert werden?
Muss die Wohnung aussehen wie aus einem Einrichtungsmagazin?
Oder reicht es, wenn sie hygienisch, sicher und bewohnbar ist?

Diese Fragen sind wichtiger, als sie zunächst wirken.

Denn manchmal leiden Menschen nicht nur unter ihrem Haushalt.
Sie leiden unter dem Bild davon, wie ihr Haushalt aussehen müsste.
Und vielleicht sollten wir genau dort anfangen, Druck herauszunehmen.
Denn ein Haushalt ist kein moralischer Leistungsnachweis.

Die Scham macht den Haushalt nicht sauberer

Das ist eine der brutalsten Dynamiken.

Unordnung.
Scham.
Vermeidung.

Noch mehr Unordnung.
Noch mehr Scham.
Und irgendwann wird selbst der Gedanke an den Haushalt belastend.

Wenn sich dann jedoch Besuch ankündigt, wird innerhalb weniger Stunden alles erledigt.
Doch nicht aus Motivation, sondern aus Panik.

Das funktioniert kurzfristig, aber es ist keine nachhaltige Strategie.
Denn Scham ist dabei keine hilfreiche Organisationsmethode.
Sie produziert vielleicht Adrenalin, aber kein stabiles System.

Vielleicht ist „Minimalismus“ für manche Menschen keine Ästhetik, sondern Entlastung

Weniger Dinge bedeuten weniger Entscheidungen:

  • Weniger Kleidung gleich weniger Wäsche.
  • Weniger Dekoration gleich weniger Staub.
  • Weniger offene Projekte gleich weniger visuelle Reize.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Mensch mit ADHS minimalistisch leben sollte, aber es lohnt sich, die Umgebung so zu gestalten, dass sie weniger exekutive Energie verlangt.
Und genau hier werden externe Hilfen interessant:

  • Ein Timer.
  • Ein sichtbarer Wäschekorb.
  • Offene Aufbewahrung.
  • Beschriftungen.
  • Feste Plätze.
  • Checklisten.

Nicht weil man „zu dumm“ ist, sich Dinge zu merken, sondern weil man das Gehirn nicht unnötig mit Dingen belasten muss, die ein simples System übernehmen kann.

Ein gutes System ist kein Gefängnis, sonder ein Geländer

Viele Menschen mit ADHS haben irgendwann eine Abneigung gegen Routinen entwickelt, denn Routinen wurden ihnen eventuell jahrelang als moralische Pflicht verkauft.

Aber Struktur kann etwas völlig anderes sein.
Sie kann entlasten.

Denn ein System soll dich nicht kontrollieren, es soll dich unterstützen.

Der Haushalt muss auch nicht perfekt sein. Er muss funktionieren.

Vielleicht ist das die größte Befreiung.

Ein Haushalt darf Gebrauchsspuren haben.
Es darf Wäsche auf dem Wäscheständer hängen.
Es dürfen Bücher herumliegen.
Es darf eine Schublade geben, die besser nicht geöffnet wird.
Es darf Tage geben, an denen nur das Nötigste passiert.

Und vielleicht ist das Nötigste manchmal tatsächlich genug.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob meine Wohnung perfekt aussieht, sondern, ob ich darin leben kann.

Und manchmal braucht man Hilfe, ohne, dass man sich dafür schämt

Das ist vielleicht der unbequemste Punkt.

Wir behandeln Haushaltshilfe häufig wie einen Luxus.
Als müsste man erst besonders alt, krank oder reich sein, bevor jemand anderes den Boden saugen darf.

Doch warum eigentlich?

Wenn ein Mensch Schwierigkeiten mit der Alltagsorganisation hat, können unterstützende Beziehungen und externe Hilfen, als Anpassung an die eigenen Ressourcen und nicht als Beweis des Scheiterns sinnvoll und legitim sein.

Vielleicht ist dein Haushalt kein Spiegel deines Charakters

Vielleicht müssen wir aufhören, Wohnungen zu bewerten wie Menschen.

Ordentlich = diszipliniert.
Unordentlich = faul.
Sauber = verantwortungsvoll.
Chaotisch = unfähig.

Das ist nicht nur unfair.
Es ist schlicht zu einfach.

Denn hinter einer Wohnung steckt ein Mensch.
Ein Mensch mit seinem Schlaf, seiner Arbeit, seinen Kindern, seiner Gesundheit, seiner Energie, seinen Belastungen, seinem Nervensystem.
Und manchmal eben auch mit seinem ADHS.

Denn vielleicht ist ein guter Haushalt nicht der, in dem immer alles glänzt, sondern vielleicht der, in dem ein Mensch leben kann, ohne sich jeden Abend dafür zu schämen, dass er nicht noch mehr geschafft hat.

Und vielleicht darf genau das reichen.

Nicht perfekt.
Nicht Instagram – tauglich.
Nicht jederzeit vorzeigbar.


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