„Vorbilder“ ist der Impuls aus Annas 70. Blognacht; an der ich zwar nicht persönlich teilgenommen habe, ich ihn dennoch verbloggen möchte.

„Hast du ein Vorbild?“ ist eine Frage, die wir Kindern schon früh stellen.
Fast so, als könne man sich einen Menschen aussuchen und ihm einfach folgen.
Als gäbe es eine richtige Richtung.
Ein richtiges Leben.
Den richtigen Erfolg.

Auch Menschen mit ADHS begegnen dieser Frage immer wieder.
Nur verändert sie mit den Jahren ihre Form.

Denn plötzlich heißt sie:
„Welche berühmten Menschen haben ADHS?“
„Welche Unternehmer waren neurodivergent?“
„Welche Künstler haben es trotz ADHS geschafft?“

Und die Hoffnung dahinter ist verständlich.
Denn wenn andere es geschafft haben, dann müsste es doch auch für mich möglich sein!

Leider beginnt genau an dieser Stelle eine Gefahr, über die erstaunlich selten gesprochen wird:
denn Vorbilder können nicht nur inspirieren,
sie können auch Erwartungen erzeugen, die niemand erfüllen kann.

Vor allem dann, wenn wir vergessen, dass wir nur das Ergebnis sehen aber nicht den Preis, den jemand dafür bezahlt hat.

Warum Erfolgsgeschichten manchmal mehr Druck als Hoffnung machen

Menschen lieben Erfolgsgeschichten, weil sie nicht nur Orientierung geben und Hoffnung machen sondern auch Möglichkeiten zeigen.

Selten jedoch das ganze Bild erzählen.

Wir lesen, zum Beispiel von einer Erfolgsgeschichte eines Unternehmens, nicht jedoch von den schlaflosen Nächten.
Wir sehen und lesen ein Buch, die Jahre des Zweifelns kennen wir nicht.
Wir bewundern einen Vortrag, den Zusammenbruch danach bekommen wir nicht mit.

Gerade im ADHS – Kontext entsteht dadurch schnell ein verzerrtes Bild, weil aus einer neurologischen Besonderheit  plötzlich eine Superkraft gemacht wird.

Und derjenige, der scheitert, fragt sich zwangsläufig:

„Warum funktioniert das bei mir nicht?“

Wobei doch die Frage eher lauten sollte:

„Welche Voraussetzungen hatte dieser Mensch, die ich vielleicht gar nicht habe?“

Die größte Leistung bleibt oft unsichtbar

Denn nicht jede Heldengeschichte endet auf einer Bühne.
Manche endet morgens damit, dass jemand überhaupt aufgestanden ist.
Dass Medikamente genommen wurden.
Dass ein schwieriges Telefonat geführt wurde.
Dass eine Rechnung bezahlt wurde.
Dass eine Reizüberflutung ausgehalten wurde.
Dass ein Kind liebevoll begleitet wurde, obwohl die eigenen Reserven längst erschöpft waren.

Doch leider misst unsere Gesellschaft Erfolg fast ausschließlich an Sichtbarkeit, was es für Menschen mit ADHS besonders herausfordernd macht.
Denn ihr größter Kraftakt findet dort statt, wo niemand applaudiert:
im Alltag.
Im Stillen.
Immer und immer wieder.

Vielleicht brauchen wir also neue Definitionen von Erfolg.

Warum wir Vorbilder fast immer zu Helden machen

Ein Vorbild ist selten ein ganzer Mensch.
Meist ist es eine Auswahl an Eigenschaften, die wir übernehmen, nicht jedoch die komplette Biografien:

wir sehen den Mut, nicht die Angst.
Die Kreativität, nicht das Chaos.
Die Empathie, nicht die Überforderung.

Dadurch entsteht eine Illusion, als gäbe es Menschen, die den schwierigen Teil ihres Lebens irgendwann hinter sich gelassen hätten.
Doch kein Mensch besteht nur aus seinen Stärken.

Das Problem beginnt, wenn Inspiration zu Selbstkritik wird

Psychologische Forschung zur sozialen Vergleichstheorie zeigt seit Jahrzehnten, dass Menschen sich ständig mit anderen vergleichen.

Aufwärtsvergleiche können motivierend sein.
Sie können aber ebenso das Gefühl verstärken, nicht gut genug zu sein.

Und gerade Menschen mit ADHS, die häufig auf eine lange Geschichte von Kritik und Misserfolg zurückblicken, sind für solche Vergleiche besonders anfällig.
Womit ein inspirierender Beitrag dann ungewollt nicht nur zur nächsten Selbstanklage a la „Ich müsste doch auch …“ sondern auch zu einer Gefahr werden kann.

Vielleicht suchen wir die falschen Vorbilder

Warum bewundern wir fast ausschließlich Menschen, die außergewöhnlich erfolgreich sind?
Warum nicht die Erzieherin, die jeden Morgen trotz eigener Überforderung geduldig bleibt?
Den Vater, der lernt, seine Gefühle zu benennen?
Die Freundin, die nach Jahren endlich Grenzen setzt?
Die Frau, die nach einer Krebsbehandlung, chronischen Schmerzen oder einem langen Klinikaufenthalt trotzdem wieder Hoffnung findet?

Vielleicht sind das die Vorbilder, die wir übersehen.

Nicht, weil sie weniger leisten, sondern weil ihre Leistung nicht spektakulär aussieht.

Vorbilder dürfen auch scheitern

Vielleicht wäre das Ehrlichste, was ein Vorbild tun kann, auch mal zu sagen, dass es nicht weiter weiß.

Denn Ehrlichkeit schafft Verbindung und macht Menschen glaubwürdig.
Perfektion hingegen schafft Distanz.

Doch gerade im ADHS – Kontext brauchen wir weniger Heldengeschichten und mehr echte Geschichten.

Das größte Vorbild ist nicht der lauteste Mensch

Viele Menschen mit ADHS wachsen mit dem Gefühl auf, sie müssten außergewöhnlich sein, um ihren Platz zu verdienen.

Doch Würde hängt nicht an Leistung.
Nicht an Kreativität.
Nicht an Produktivität.
Nicht an Reichweite.

Vielleicht ist das größte Vorbild der Mensch, der sich selbst erlaubt, so zu sein wie er ist und sich aufgrund seines Seins und nicht wegen seiner Leistung wertvoll erlebt.

Vielleicht bist du längst ein Vorbild, ohne es zu wissen

Menschen, und besonders die, die sich selbst vor allem über ihre Schwierigkeiten definieren, unterschätzen häufig ihre Wirkung.

Kinder, Kolleginnen, Freunde und Familienmitglieder beobachten oft etwas ganz anderes und sehen Mut, Ehrlichkeit und Durchhaltevermögen.
Nicht trotz ADHS, sondern mitten darin.

Denn manchmal reicht schon ein offenes Gespräch, um einem anderen Menschen das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sein und auch nicht perfekt sein zu müssen, sondern echt.

Die wichtigste Person auf deiner Vergleichsliste fehlt häufig

Viele vergleichen sich ständig mit anderen, doch nur selten bis gar nicht mit sich selbst.

Doch wo standest du vor fünf Jahren?
Welche Strategien hast du entwickelt?
Welche Krisen hast du überlebt?
Welche Fähigkeiten hast du dir mühsam aufgebaut?

Fortschritte werden oft übersehen, weil sie langsam geschehen.
Dabei ist genau dieser Fortschritt häufig die größte Leistung.

Vielleicht brauchen wir keine Vorbilder, sondern eher Wegbegleiter

Vielleicht liegt der eigentliche Irrtum schon im Wort:

Ein Vorbild steht vor uns.
Ein Wegbegleiter geht neben uns.

Er kennt Zweifel.
Er kennt Rückschläge.
Er kennt Umwege.

Und genau deshalb macht er Mut.

Nicht, weil er besser ist, sondern weil er zeigt, dass Entwicklung auch unperfekt möglich ist.

Vielleicht beginnt das größte Vorbild im Spiegel

Vielleicht suchen wir viel zu oft nach Menschen, zu denen wir aufschauen können und vergessen dabei den Menschen anzusehen, der jeden Morgen trotz aller Hindernisse wieder aufsteht.

Der weiterlernt.
Der sich entschuldigt, wenn nötig.
Der neu beginnt.
Der lacht.
Der scheitert und weiter macht.

Vielleicht braucht die Welt gar nicht mehr perfekte Vorbilder.
Vielleicht braucht sie mehr Menschen, die den Mut haben, unperfekt sichtbar zu sein.

Denn genau dort entsteht etwas, das keine Auszeichnung ersetzen kann:

Wiedererkennbarkeit.
Hoffnung.
Und die leise Erlaubnis, den eigenen Weg zu gehen ohne ihn mit dem eines anderen vergleichen zu müssen.


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