„Man gönnt sich ja sonst nichts“ ist der Impuls aus Annas 69. Blognacht; an der ich zwar nicht persönlich teilgenommen habe, ich ihn dennoch verbloggen möchte.
Denn der Satz ist trauriger als wir glauben.
„Ach komm … man gönnt sich ja sonst nichts.“
Ist ein Satz, der meist mit einem Lächeln ausgesprochen wird.
Zwischen einem Stück Kuchen und einem neuen Pullover.
Zwischen einer Zimmerpflanze und dem zweiten Cappuccino.
Fast schon liebevoll entschuldigend.
Doch kaum jemand hinterfragt ihn, obwohl in diesen sechs Wörtern eine erstaunliche Botschaft steckt.
Und warum müssen wir uns überhaupt rechtfertigen, wenn wir uns etwas Gutes tun?
Warum reicht es nicht zu sagen:
„Darauf habe ich gerade Lust.“
Oder:
„Das tut mir gut.“
Stattdessen erklären wir uns.
Wir relativieren.
Wir machen aus einem Bedürfnis eine Ausnahmegenehmigung.
Und genau an dieser Stelle beginnt dieser Artikel.
Denn Menschen mit ADHS kennen dieses Gefühl oft besonders gut.
Nicht unbedingt, weil sie sich ständig etwas gönnen, sondern weil sie häufig gelernt haben, dass ihre Bedürfnisse erst dann akzeptiert werden, wenn sie ausreichend begründet werden können.
Somit geht es bei diesem Satz also gar nicht ums Geld, sondern um etwas viel Wertvolleres:
um die Erlaubnis, Bedürfnisse überhaupt haben zu dürfen.
Warum brauchen kleine Freuden plötzlich Erklärungen?
Es ist bemerkenswert, wie selbstverständlich wir uns für Kleinigkeiten entschuldigen.
Ein Stück Kuchen.
Ein freier Nachmittag.
Ein neues Buch.
Ein guter Kaffee.
Eine Massage.
Ein Konzert.
Fast immer folgt irgendwann dieser Satz.
„Man gönnt sich ja sonst nichts.“
Niemand sagt dagegen:
„Ich arbeite seit Monaten über meine Grenzen hinaus.
Man überfordert sich ja sonst nicht.“
Oder:
„Ich habe seit Wochen schlecht geschlafen.
Man erschöpft sich ja sonst nicht.“
Dabei wäre genau das ehrlicher.
Unsere Gesellschaft bewertet Verzicht häufig höher als Fürsorge.
Wer ständig funktioniert, gilt als diszipliniert.
Wer sich Pausen nimmt, muss sie erklären.
Und gerade Menschen mit ADHS wachsen häufig mit dem Gefühl auf, sich ihre Existenz immer wieder verdienen zu müssen.
Denn schon früh hören sie, sie müssten sich mehr anstrengen.
Konsequenter sein.
Ordentlicher.
Leiser.
Disziplinierter.
Irgendwann entsteht daraus eine Haltung, dass nicht nur Leistung, sondern auch Erholung verdient werden muss.
Die teuerste Rechnung schreibt nicht das Portemonnaie, sondern das Nervensystem
Wenn über ADHS gesprochen wird, taucht häufig das Thema Impulskäufe auf.
Und ja, sie kommen vor und lassen sich wissenschaftlich unter anderem durch Unterschiede in der Belohnungsverarbeitung, der Impulskontrolle und der Dopaminregulation erklären.
Aber wer es dabei belässt, greift zu kurz.
Denn die spannendere Frage lautet nicht:
„Warum kaufen Menschen mit ADHS manchmal spontan etwas?“
Sondern:
„Warum brauchen sie häufig so lange, bis sie sich überhaupt erlauben, ein eigenes Bedürfnis ernst zu nehmen?“
Viele investieren ohne zu zögern Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit in andere Menschen.
Sie springen ein.
Organisieren.
Denken mit.
Vergessen dabei aber regelmäßig sich selbst:
unterwegs wird der Kaffee hinterfragt,
die dringend benötigten Kopfhörer werden monatelang aufgeschoben,
die ergonomische Schreibtischlampe erscheint plötzlich „unnötig“.
Und das Ganze nicht, weil das Geld fehlt, sondern weil Schuldgefühle lauter geworden sind als die eigenen Bedürfnisse.
Doch genau diese Rechnung zahlt am Ende das Nervensystem.
Nicht das Konto.
Denn Bedürfnisse sind keine Belohnung für Leistung
Vielleicht ist das einer der größten Denkfehler unserer Gesellschaft:
wir behandeln Bedürfnisse wie einen Bonus.
Erst arbeiten, dann ausruhen.
Erst funktionieren, dann genießen.
Erst alles erledigen, dann darfst du…
Nur kommt dieses „dann“ erstaunlich selten.
Denn sobald eine Aufgabe erledigt ist, wartet bereits die nächste.
Für Menschen mit ADHS entsteht dadurch häufig ein Teufelskreis, indem das Gehirn ohnehin oft unter erhöhter Anstrengung arbeitet, weil Entscheidungen mehr Energie kosten und Reizfilter mehr Kraft benötigen sowie die Organisation ständige Aufmerksamkeit verlangt.
Und trotzdem glauben viele, sie müssten sich Erholung erst verdienen.
Dabei ist genau das wissenschaftlich, und da haben wir noch gar nicht vom Menschlichen geschrieben, kaum haltbar.
Denn Erholung verbessert die Aufmerksamkeit.
Ausreichender Schlaf stabilisiert exekutive Funktionen.
Pausen erhöhen langfristig die Leistungsfähigkeit.
Bedürfnisse sind deshalb alles andere als eine Belohnung.
Sie sind eine biologische Voraussetzung.
Der größte Luxus ist heute nicht der Besitz, sondern die Regulation
Vielleicht leben wir in einer Zeit, in der Luxus völlig falsch verstanden wird.
Denn Luxus ist nicht unbedingt das große Haus.
Nicht das teure Auto.
Nicht die Designerhandtasche.
Der größte Luxus könnte heute etwas ganz anderes sein:
Ein ruhiger Kopf.
Ein ausgeschlafener Morgen.
Ein Nachmittag ohne schlechtes Gewissen.
Ein Wochenende, das nicht der Erholung von der Erschöpfung dient.
Und gerade Menschen mit ADHS investieren oft enorme Energie in etwas, das von außen unsichtbar bleibt:
die Selbstregulation.
Die Impulskontrolle.
Die Aufmerksamkeitssteuerung.
Die emotionale Regulation.
Die Reizverarbeitung.
Wer das täglich leistet, gönnt sich nicht „zu viel“, wenn er sich kleine Inseln der Entlastung schafft.
Er versucht lediglich, das eigene Nervensystem arbeitsfähig zu halten.
Vielleicht kaufen wir manchmal nicht Dinge, sondern Entlastung
Natürlich ersetzt Konsum keine Therapie.
Keine Beziehung.
Keine Regulation.
Keine Selbstfürsorge.
Doch manchmal zeigt ein Impulskauf auf etwas, das längst fehlt:
denn nicht die Kerze war das eigentliche Bedürfnis, sondern die Gemütlichkeit.
Nicht das Buch war das eigentliche Bedürfnis, sondern die Ruhe.
Nicht die Zimmerpflanze war das eigentliche Bedürfnis, sondern die Lebendigkeit.
Nicht die Schokolade war das eigentliche Bedürfnis, sondern der Trost.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, sich vor dem nächsten Kauf nicht nur zu fragen:
„Brauche ich das?“
sondern:
„Welches Bedürfnis versucht mein Gehirn gerade eigentlich zu stillen?“
Manchmal kann die Antwort überraschend sein.
Vielleicht gönnen wir uns nicht zu viel, sondern viel zu selten das Richtige
Vielleicht ist genau das der eigentliche Kern.
Nicht, dass sich Menschen mit ADHS zu viel gönnen, sondern dass sie sich häufig das Falsche gönnen müssen, weil für das Richtige kein Platz ist.
Sie kaufen Ruhe, obwohl sie Schlaf brauchen.
Sie kaufen Motivation, obwohl sie Entlastung brauchen.
Sie kaufen Ordnungssysteme, obwohl sie Verständnis brauchen.
Sie kaufen kleine Glücksmomente, während sie gleichzeitig seit Monaten über ihre Belastungsgrenze gehen.
Nicht weil sie oberflächlich sind.
Sondern weil Bedürfnisse irgendwann einen anderen Ausgang suchen.
Was kostet es eigentlich, sich nie etwas zu gönnen?
Diese Frage wird erstaunlich selten gestellt.
Wir diskutieren über den Preis eines Kaffees.
Über Konzertkarten.
Über Bücher.
Über Kopfhörer.
Über Urlaube.
Aber kaum jemand fragt:
Was kostet chronische Erschöpfung?
Was kostet dauerhafte Überforderung?
Was kostet ein Nervensystem, das nie zur Ruhe kommt?
Was kostet es, sich selbst über Jahre hinweg immer zuletzt einzuplanen?
Vielleicht ist genau das die teuerste Rechnung unseres Lebens.
Der Mut, Bedürfnisse nicht mehr zu entschuldigen
Vielleicht braucht es irgendwann einen neuen Satz.
Nicht:
„Man gönnt sich ja sonst nichts.“
sondern:
„Ich brauche das.“
Ohne Rechtfertigung.
Ohne schlechtes Gewissen.
Ohne Erklärung.
Denn Bedürfnisse sind keine Schwäche.
Sie sind Ausdruck eines lebendigen Nervensystems.
Nicht alles, was gut tut, muss verdient werden
Vielleicht ist dies der unbequemste Gedanke dieses Artikels.
Ein Mensch muss sich Wasser nicht verdienen.
Keine Luft.
Keinen Schlaf.
Keine Zuwendung.
Warum also glauben wir, wir müssten uns Freude verdienen?
Warum behandeln wir Fürsorge wie eine Belohnung für perfekte Leistung?
Gerade Menschen mit ADHS verbringen oft Jahre damit, zu beweisen, dass sie „genug“ sind.
Wäre es nicht die größere Veränderung, damit aufzuhören?
Ist der Satz nicht längst überfällig?
Vielleicht sagen wir künftig etwas anderes.
Aus:
„Man gönnt sich ja sonst nichts.“
wird:
„Ich kümmere mich gerade um mich.“
Denn darin steckt keine Rechtfertigung.
Keine Ausrede.
Keine Ironie.
Sondern Verantwortung für ein Nervensystem, das jeden Tag Außergewöhnliches leistet.
Für einen Körper, der Pausen braucht.
Für einen Menschen, der nicht erst dann wertvoll ist, wenn alles erledigt ist.
Die eigentliche Frage
Vielleicht lautet die wichtigste Frage gar nicht:
„Kann ich mir das leisten?“
sondern:
„Kann ich es mir leisten, mir selbst dauerhaft vorzuenthalten, was ich wirklich brauche?“
Denn am Ende sind es selten der Kaffee, das Buch oder die Zimmerpflanze, die unser Leben verändern.
Es ist die Entscheidung, Bedürfnisse nicht länger als Luxus zu behandeln, sondern als das, was sie schon immer waren:
die Grundlage dafür, überhaupt gesund, lebendig und mit sich selbst verbunden leben zu können.





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