Viele Mädchen mit ADHS kommen durch die Kindheit, ohne besonders aufzufallen.
Sie gelten als verträumt, sensibel, lebhaft oder etwas chaotisch, jedoch nicht als „auffällig“.
Bis zur Pubertät.
Dann kippt plötzlich etwas:
- die Schule wird anstrengender,
- die sozialen Dynamiken komplexer und
- die Emotionen intensiver.
Was vorher mit sehr viel Mühe kompensiert werden konnte, reicht auf einmal nicht mehr aus, weil das System überfordert ist.
Doch für das Umfeld wirkt es so, als hätte sich das Mädchen verändert.
Hormone treffen auf ein ohnehin vulnerables Gehirn
Mit Beginn der Pubertät setzt mit einem schwankenden Östrogen – und Progesteronspiegel ein unregelmäßiger, unvorhersehbarer und oft extremer hormoneller Umbau ein, der für ein Gehirn mit ADHS, dessen Dopaminregulation ohnehin fragil ist, zusätzliche Instabilität bedeutet.
Diese, für ihr neurobiologisches Gleichgewicht gleichzeitige und zweiseitige Herausforderung lässt sowohl die Konzentration als auch die Impulskontrolle sowie die emotionale Regulation und die Stressverarbeitung stärker unter Druck geraten.
Von äußerer Unruhe zu innerem Chaos
Während Jungen mit ADHS in der Pubertät häufig weiterhin durch äußere Hyperaktivität auffallen, verlagern sich die Symptome bei vielen Mädchen nach innen:
Gedanken rasen, Gefühle explodieren, Selbstzweifel nehmen zu.
Und nach außen bleibt oft nur Rückzug oder Anpassung sichtbar.
Das ist der Beginn von Masking: dem Versuch, unauffällig zu bleiben, Erwartungen zu erfüllen und nicht negativ aufzufallen. Doch kostet dieser Anpassungsdruck enorm viel Energie und bleibt meist unsichtbar.
Emotionale Intensität wird zur Charakterfrage gemacht
Die hormonell verstärkte emotionale Reizbarkeit wird selten als neurobiologische Reaktion verstanden, weshalb Sätze wie die folgenden oft fallen:
- „Du reagierst über.“
- „Du bist zu sensibel.“
- „Andere kriegen das doch auch hin.“
Und so wird aus einer biologischen Realität ein moralisches Problem, in dem das Mädchen früh lernt, dass etwas mit ihr nicht stimmt.
Diese Selbstzuschreibung prägt oft das gesamte weitere Leben.
Schule als Verstärker von Überforderung
Gleichzeitig steigen die schulischen Anforderungen: Selbstorganisation, langfristige Planung, soziale Feinabstimmung. Alles Bereiche, die bei ADHS besonders herausfordernd sind und hormonell zusätzlich destabilisiert werden.
Die Folge sind nicht selten, bei vorhandenem intellektuellen Potenzial, Leistungseinbrüche, was zu einem fatalen Widerspruch a la: „Du könntest, wenn du nur wolltest.“ führen kann.
Wollen ersetzt jedoch keine neurobiologischen Ressourcen.
Der Beginn einer langen Fehlinterpretation
In dieser Phase werden, aufgrund der Beschreibung der emotionale Instabilität, der mangelnden Belastbarkeit sowie den sozialen Schwierigkeiten, viele spätere Fehldiagnosen, statt ADHS, gestellt.
Oder es passiert, außer wachsender innerer Isolation, gar nichts, so dass viele Mädchen, statt die Rahmenbedingungen und das System zu hinterfragen, lernen, sich selbst infrage zu stellen.
Warum frühe Unterstützung so selten greift
ADHS wird in der Pubertät bei Mädchen besonders häufig übersehen, da es nicht dem gängigen Bild, der lauten Störungen und dem offensichtlichen Kontrollverlust, entspricht.
Was hier fehlt, sind:
- eine hormon- und entwicklungssensible Diagnostik,
- eine Entlastung statt der Disziplinierung und
- das Verständnis für zyklische Belastung.
Denn stattdessen passiert eine Anpassung um jeden Preis.
Die langfristige Folge ist eine Identität auf wackligem Fundament
Viele erwachsene Frauen mit ADHS berichten rückblickend, dass die Pubertät der Moment war, in dem sie begonnen haben, sich selbst zu verlieren.
Nicht, weil sie schwach waren, sondern weil sie gelernt haben, sich ständig zu korrigieren, was sich im Erwachsenenalter in Form von:
- chronische Selbstzweifel
- Perfektionismus
- Erschöpfung
- das Gefühl, nie „richtig“ zu sein
zeigen kann.
Was braucht diese Lebensphase wirklich?
Weder noch mehr Kontrolle, noch mehr Druck, sondern:
- Erklärung statt Bewertung
- flexible Anforderungen
- sichere Räume für emotionale Regulation
- Erwachsene, die nicht pathologisieren, sondern einordnen.
Ein Gehirn in Umbau braucht Schutz und keinen Leistungsnachweis.
Ein anderer Blick auf „schwierige Jahre“
Die Pubertät ist für Mädchen mit ADHS kein normales Chaos.
Sie ist ein neurologischer Stresstest.
Wer das versteht, hört auf, Verhalten zu moralisieren und beginnt, Strukturen zu verändern.
Nicht das Mädchen ist das Problem.
Das Problem ist, dass niemand ihr erklärt, was gerade mit ihr passiert.






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