„Ich kann das alleine!“
– Der Satz, der Eltern und Erzieher*innen im dritten Lebensjahr regelmäßig begegnet.

Was nach Aufbegehren klingt, ist in Wahrheit ein wichtiger Entwicklungsschritt.
Denn das dritte Lebensjahr ist eine Zeit voller Selbstbehauptung, tiefer emotionaler Umbrüche, sprachlicher Explosionen und sozialer Öffnung.

Doch es ist auch eine Phase, in der Kinder und ihre Bezugspersonen an ihre Grenzen stoßen.

Dieser Beitrag beleuchtet die Entwicklungen dieses Lebensjahres aus fachlicher Perspektive.
Ehrlich, differenziert und mit einem Blick auf das große Ganze.

Kognitive Entwicklung: Neugier als Motor

Im dritten Lebensjahr beginnen Kinder, Ursache und Wirkung immer besser zu begreifen.
Sie erkennen Zusammenhänge, entwickeln eine erste Form von logischem Denken und beginnen, Fragen zu stellen („Warum?“).
Ihr Gedächtnis wird leistungsfähiger.
Sie erinnern sich an Abläufe, Orte, Personen.

  • Symbolisches Denken entwickelt sich: Ein Stock wird zum Schwert, ein Kissen zur Burg.
  • Kategorisierungen nehmen zu: Tiere, Farben, Gegenstände werden benannt und sortiert.
  • Verständnis für Regeln wächst; auch wenn sie noch nicht konsequent eingehalten werden.

Kinder in diesem Alter sind keine „kleinen Erwachsenen“.
Sie denken egozentrisch, glauben oft noch, die Welt dreht sich um sie.
Das ist kein Zeichen von Narzissmus, sondern von Entwicklung.

Sprachentwicklung: die Explosion

Sprache explodiert im dritten Lebensjahr förmlich.
Kinder erweitern ihren Wortschatz auf bis zu 1000 Wörter, beginnen Zwei- und Dreiwortsätze zu bilden und stellen erste grammatikalische Strukturen her.
Gleichzeitig verbessern sich Artikulation und Sprachverständnis.

  • Fragen nehmen zu: Wer? Was? Warum?
  • Sich verständlich machen wird zum Ziel; nicht immer mit Worten, aber zunehmend verbal.
  • Benennung von Gefühlen beginnt langsam („Ich bin traurig!“).

Die Sprachentwicklung ist, genauso wie wir Menschen, individuell.
Kinder, die mit zwei Jahren kaum sprechen, können mit drei plötzlich sprachlich aufholen.
Druck oder Vergleich helfen hier nicht,
Begleitung, Geduld und echtes Zuhören schon.

Motorische Entwicklung: Der Körper wird Ausdrucksmittel

Grobmotorik:

  • Kinder laufen, klettern, rennen, springen.
    Meist mit großer Energie, aber wenig Risikoeinschätzung.
  • der Bewegungsdrang ist enorm.
    Bewegung ist:
    Lernen durch und mit dem Körper.

Feinmotorik:

  • Erste Malversuche werden zu bewussteren Kritzeleien.
  • Löffel, Becher, Bauklötze: der gezielte Einsatz von Händen und Fingern nimmt zu.
  • Viele Kinder versuchen, sich alleine an- und auszuziehen; teils mit beachtlicher Frustrationstoleranz.

Kinder brauchen Raum, Zeit und Gelegenheiten zur Bewegung.
Jedoch keine Dauerbespaßung.
Wer im dritten Lebensjahr still sitzen muss, verpasst entscheidende Entwicklungsschritte.

Emotionale Entwicklung: Gefühle im Sturm

Das dritte Lebensjahr ist emotional intensiv.
Kinder erleben Gefühle stärker, schneller, ungefilterter.
Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist jedoch noch unzureichend ausgebildet.
Frustration, Überforderung oder Überreizung führen schnell zu Wutausbrüchen:

  • Trotzphase? Fachlich korrekt: Autonomiephase.
  • Kinder erleben sich zunehmend als eigenständige Personen, wollen selbst entscheiden und stoßen dabei an äußere Grenzen.
  • Gleichzeitig haben sie noch wenig Kontrolle über Impulse.

Kinder brauchen in dieser Phase keine Strafen, sondern sichere Beziehungspartner, die Halt geben, benennen, was geschieht („Du bist wütend, weil ich Nein gesagt habe“) und dabei nicht selbst die Fassung verlieren.

Soziale Entwicklung: Vom Ich zum Du

Im dritten Lebensjahr beginnt der Übergang vom Parallelspiel zum ersten kooperativen Spiel.
Kinder interessieren sich für andere, imitieren, reagieren auf Emotionen.

  • Rollenspiele entstehen („Du bist die Mama, ich bin das Baby!“)
  • Erste Freundschaften bilden sich.
    Meist kurzfristig, aber intensiv.
  • Gleichzeitig treten erste Konflikte auf.
    Teilen, Warten, Abwechseln sind Lernprozesse, keine Selbstverständlichkeiten.

Konflikte sind kein Zeichen von „unerzogenen“ Kindern, sondern Lernfelder für Sozialverhalten.
Unterstützung ja.
Aber nicht immer sofort eingreifen.
Denn Kinder brauchen Gelegenheit, soziale Erfahrungen selbst zu machen.

Lebenswelt & Bindung: Sicherheit als Basis

Das dritte Lebensjahr ist häufig von großen Veränderungen geprägt:

  • Beginn der Kita oder Wechsel in eine neue Gruppe
  • Sauberkeitserziehung
  • Abstillen, Geschwister, Umzüge oder Trennungen

Diese Umstellungen treffen auf ein Kind, das Autonomie sucht, aber Sicherheit braucht.
Bindung bleibt das Fundament für jedes Lernen, jedes Wachsen, jede emotionale Regulation.

Pädagogischer Auftrag:

  • Verlässliche, feinfühlige Bezugspersonen
  • Tagesstruktur mit Orientierung, aber Spielraum
  • Beziehungsarbeit statt Verhaltenssteuerung

Was Erwachsene oft vergessen …

Im dritten Lebensjahr zeigt sich besonders deutlich:
Kinder sind nicht ungezogen, sondern überfordert.

Sie erleben sich zwischen Unabhängigkeit und Bedürftigkeit, zwischen Stolz und Hilflosigkeit, zwischen „Ich will!“ und „Ich kann (noch) nicht!“.

Als Erwachsene müssen wir lernen, nicht alles Verhalten zu bewerten, sondern den Entwicklungsprozess dahinter zu verstehen.

Das dritte Lebensjahr: eine Einladung zur Co-Regulation

Das dritte Lebensjahr ist kein Sturm, der durchgestanden werden muss.
Es ist eine Phase intensiver Wandlung, voller Chancen, voller Energie.
Und voller Herausforderungen.
Kinder brauchen jetzt keine Perfektion.
Sondern Erwachsene, die mitgehen, mitfühlen, mitdenken.

Entwicklung ist kein gerader Weg.
Sie ist ein Tanz.
Und das dritte Lebensjahr ist ein besonders wilder Takt.

Wer sich traut, mitzutanzen, wird viel über Kinder und über sich selbst lernen.


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