„ADHS hat heute ja jeder.“
„Früher gab’s das nicht: da wurden die Kinder einfach hinausgeschickt.“
„Das ist doch nur ein Trend, der gerade auf diversen Social-Media-Kanälen läuft.“

Diese und ähnliche Aussagen begegnen Menschen mit ADHS, insbesondere Frauen, beinahe täglich.

Heute wird die Diagnose ADHS zwar häufiger gestellt als noch vor 10 oder 20 Jahren.
Doch w
as viele übersehen, ist, dass es nicht daran liegt, dass diese ein „Modetrend“ ist, sondern, dass es jahrzehntelang zu einer chronischen Unterdiagnose, vor allem bei Mädchen, Frauen und Erwachsenen kam.

Dieser Artikel räumt sowohl mit Vorurteilen und Fehlinformationen als auch mit dem gefährlichen Irrglauben, ADHS sei nur eine Ausrede für Faulheit oder ein aktuelles Lifestyle-Label auf.
Denn ADHS ist real.
Und der Preis für das Ignorieren dieser Realität ist hoch!
Nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für unser gesellschaftliches Miteinander!

Was ist ADHS aus medizinischer Sicht?

ADHS ist eine neurologisch bedingte Entwicklungsstörung, die sich auf die Selbstregulation von Aufmerksamkeit, Emotionen und Verhalten auswirkt.
Sie betrifft Kinder, Jugendliche und Erwachsene, ganz unabhängig vom Geschlecht und ist im internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten (ICD-10/11 und DSM-5) seit Jahrzehnten als klinisch relevante Störung mit klaren diagnostischen Kriterien gelistet.

Die zentralen Symptome sind:

  • Unaufmerksamkeit (z. B. Flüchtigkeitsfehler, Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit)
  • Hyper – / Hypoaktivität (z. B. inneres Getrieben-Sein und körperliche Unruhe, welches bei Mädchen und Frauen oft nach innen verlagert ist)
  • Impulsivität (z. B. vorschnelles Handeln, Unterbrechen, emotionale Reaktionen)

ADHS betrifft die exekutiven Funktionen des Gehirns.
Also genau die Bereiche, die dafür sorgen, dass wir Aufgaben planen, priorisieren, steuern, beginnen, zu Ende bringen oder uns emotional regulieren.

Warum die Diagnosen zunehmen und dies eine gute Nachricht ist

Die Diagnosehäufigkeit steigt, ja.
Aber nicht, weil mehr Menschen plötzlich „ADHS entwickeln“, sondern weil:

  • sich das Wissen über ADHS, insbesondere im Erwachsenenalter, erweitert hat
  • geschlechtsspezifische Unterschiede zunehmend erkannt werden
  • adäquat geschultes Fachpersonal zur Verfügung steht
  • sich mehr Betroffene trauen, über ihre Symptome, auch öffentlich, zu sprechen
  • digitale Medien Aufklärung und Zugang zu Wissen schaffen

ADHS war nie „selten“!
Es wurde nur übersehen, ignoriert oder falsch verstanden!
Besonders bei Frauen wurde es jahrzehntelang als Depression, Angststörung, Borderline oder Erschöpfung fehldiagnostiziert.

Warum der Begriff „Modekrankheit“ so gefährlich ist

ADHS als „Trend“ oder „Modediagnose“ zu bezeichnen, ist nicht nur sachlich falsch!
Es ist vor allem verletzend und entwertend.

Denn:

  • Es spricht Betroffenen ihre neurologische Realität ab.
  • Es erzeugt Scham und Unsicherheit bei Menschen, die gerade erst beginnen, sich selbst zu verstehen.
  • Es verhindert Diagnosen, weil Menschen Angst vor Stigmatisierung haben.
  • Es erschwert Gespräche mit Arbeitgebern, Lehrkräften, Ärzt*innen oder im privaten Umfeld.

Besonders für Frauen, die oft mit chronischem Masking, Selbstabwertung und Überforderung kämpfen, ist eine ADHS-Diagnose kein Trend!
Sondern endlich eine Erklärung für jahrzehntelanges inneres Chaos!

Der Unterschied zwischen Aufmerksamkeit & Aufmerksamkeitssystem

ADHS bedeutet nicht, dass jemand sich nie konzentrieren kann!
Im Gegenteil:
Viele Betroffene erleben einen Hyperfokus, eine intensive Konzentration auf bestimmte Inhalte, während andere Bereiche völlig entgleiten.

Der Unterschied:
Neurotypische Menschen können ihre Aufmerksamkeit willentlich steuern.

Menschen mit ADHS haben ein dysreguliertes Dopamin-System, das die Aufmerksamkeit nicht situationsangemessen steuert, was jedoch nichts mit Faulheit zu tun hat, sondern mit Biochemie.

Das weibliche Gesicht von ADHS: oft unsichtbar

Ein Grund, warum viele Menschen ADHS als „neuen Hype“ empfinden, liegt in der Tatsache, dass die Sichtbarkeit wächst, v. a. von Betroffenen, die früher nie auffielen.

Denn ADHS bei Frauen äußert sich häufig in:

  • chronischer Überforderung trotz hoher Kompetenz
  • emotionaler Instabilität
  • Perfektionismus
  • sozialem Rückzug oder Anpassung („Masking“)
  • innerer Unruhe statt äußerer Hyperaktivität

Wenn diese Frauen endlich verstanden und diagnostiziert werden, wirkt das von außen wie ein „Boom“.
Tatsächlich ist es jedoch ein überfälliges Sichtbarwerden einer jahrzehntelang ignorierten Realität!

ADHS ist keine Modediagnose: es ist eine Chance auf Selbstverstehen

ADHS ist keine „Modekrankheit“!
Es ist eine medizinisch anerkannte neurologische Störung, die lange Zeit nicht gesehen, nicht ernst genommen und fehldiagnostiziert wurde.

Was jetzt geschieht, ist kein Trend.
Es ist eine Welle der Aufklärung.
Und sie ist notwendig!
Damit Betroffene endlich nicht mehr kämpfen müssen, um gesehen zu werden!

Für neurotypische Menschen bedeutet das:

  • Wissen ersetzt Urteil.
  • Offenheit ersetzt Skepsis.
  • Empathie ersetzt Entwertung.

Die Diagnose ADHS ist kein Label für Aufmerksamkeit!
Sondern ein Werkzeug für Selbstfürsorge, Unterstützung und ein besseres Miteinander!


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Eine Antwort zu „ADHS – Modekrankheit oder missverstandene Realität?“

  1. […] ließ.Und irgendwo, tief in ihr, wusste sie: genau darin lag ihre Wahrheit. Nicht darin, die Zeit zu kontrollieren, sondern darin, sie zu erleben.Unberechenbar. Intensiv. […]

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