Anfang Mai habe ich es endlich wieder zu Annas Blognacht geschafft, die den Impuls: „verplappert“ vorstellte.

„Wie passend“, dachte ich.

Wo es doch neben den Menschen, die erst nachdenken und dann sprechen, auch die Menschen gibt, die direkt sprechen und erst mitten im Satz merken, dass sie gerade etwas gesagt haben, was sie eigentlich nie aussprechen wollten.

Doch denken sie nicht vor dem sprechen nach, weil sie dumm oder „zu offen“ sind, geschweige denn, weil sie Aufmerksamkeit brauchen, sondern weil ihr Gehirn manchmal schneller reagiert als ihre innere Bremse.

Verplappert

„Ich habe mich verplappert“ klingt harmlos. Fast niedlich.
Wie ein kleines Missgeschick.
Ein Versprecher.
Ein charmantes Chaos.

Doch für viele Menschen mit ADHS ist es genau das Gegenteil.

Denn hinter diesem „Ups, das wollte ich gar nicht sagen“ steckt oft jahrelange Scham, soziale Erschöpfung und der verzweifelte Versuch, sich anzupassen sowie das Gefühl, dem eigenen Mund niemals vollständig vertrauen zu können.

Im Bruchteil einer Sekunde ist nicht nur der Satz ausgesprochen, sondern tritt mit diesem auch eine gleichzeitige Stille im Raum ein sowie irritiert schauende Menschen.
Von der im eigenen Kopf augenblicklich beginnenden Selbstzerfleischung ganz zu schweigen.

„Warum habe ich das gesagt?“
„Wieso kann ich mich nicht einfach kontrollieren?“
„Warum passiert mir das immer wieder?“

Das Problem daran ist, dass die Gesellschaft die Kommunikation fast ausschließlich moralisch bewertet:
wer also „zu viel“ sagt, gilt schnell als taktlos.
Wer impulsiv spricht, als unreif.
Wer emotional erzählt, als instabil.
Wer ungefiltert reagiert, als anstrengend.

Doch kaum jemand fragt, was neurologisch passiert,wenn ein Gehirn Reize, Gedanken, Emotionen und Sprache nicht sauber voneinander trennen kann, obwohl genau an dieser Stelle das eigentliche Thema beginnt.

„Denk doch einfach vorher nach!“

„Denk doch einfach vorher nach!“ ist einer der dümmsten Sätze überhaupt.
Und Menschen mit ADHS hören ihn ständig.
Denn kaum ein Satz zeigt deutlicher, wie wenig verstanden wird, was im Gehirn tatsächlich passiert.

Menschen mit ADHS denken vorher nach.
Oft sogar extrem viel.

Das Problem ist also nicht das fehlende Denken.
Das Problem ist die Geschwindigkeit:

Gedanken rasen.
Assoziationen überschlagen sich.
Emotionen schießen dazwischen.
Reize drängen gleichzeitig ins Bewusstsein.
So, dass die Sprache dadurch häufig nicht zum Ergebnis eines kontrollierten Prozesses, sondern zum unmittelbaren Auslassventil eines überaktiven Nervensystems, wird.

Während neurotypische Menschen also innerlich prüfen, ob das passend oder sinnvoll ist und ob sie das überhaupt sagen sollten bzw. wie es ankommen könnte, ist der Satz bei Menschen mit ADHS oft bereits ausgesprochen.

Nicht selten sogar während das Gehirn erst beginnt, ihn zu bewerten.

Und genau das führt bei Außenstehenden, aufgrund derer Interpretation des impulsiven Sprechens als mangelnde Rücksicht, zu einem massiven Missverständnis.
Dabei steckt oft tatsächlich eine beeinträchtigte Impulskontrolle, also genau jener Bereich, der bei ADHS neurologisch betroffen ist, dahinter.
Was aber nicht bedeutet, dass Verantwortung entfällt.
Aber auch nicht, dass moralische Verurteilung das Problem löst.

Denn niemand entwickelt bessere Impulskontrolle durch Beschämung.
Ganz im Gegenteil.
Viele Menschen mit ADHS beginnen nämlich genau dadurch irgendwann, in dem sie jedes Wort überwachen, jede Reaktion analysieren und jede Unterhaltung nachträglich sezieren, was soziale Kontakte irgendwann unfassbar anstrengend macht, permanent gegen sich selbst zu arbeiten.

Zwischen Ehrlichkeit und sozialem Selbstmord

Viele Menschen mit ADHS gelten als „brutal ehrlich“.
Dieses ist häufig gar keine bewusste Entscheidung, sondern hängt eher damit zusammen, dass das Gehirn Informationen nicht ausreichend filtern kann, so dass Gedanken, Beobachtungen und Emotionen nicht nur direkter, sondern auch oft ungeordneter und roher nach außen gelangen, als es soziale Konventionen erlauben.
Denn unsere Gesellschaft liebt Ehrlichkeit nur theoretisch.

Praktisch wird sie meist nur akzeptiert, solange sie:

  • höflich bleibt,
  • kontrolliert formuliert wird,
  • niemanden unbequem berührt und
  • sozial elegant verpackt ist.

Menschen mit ADHS sagen jedoch häufig genau das, was andere denken, aber niemals aussprechen würden, da es dazu führen könnte soziale Dynamiken brutal zu entlarven.

Sie sprechen aus, dass:

  • eine Situation unfair ist,
  • jemand offensichtlich verletzt wirkt,
  • Regeln widersprüchlich sind,
  • eine Stimmung unangenehm kippt,
  • Aussagen unlogisch wirken

und entwickeln dadurch schon früh ein Gefühl dafür, dass etwas mit ihnen nicht stimmt.
Wobei, durch ihre extrem präzise Wahrnehmung in den sozialen Spannungen, oft eher das Gegenteil der Fall ist, was jedoch, durch ihr nicht immer gelingendes strategisches Verschweigen, massiv mit den gesellschaftlichen Erwartungen kollidiert.

Denn viele soziale Systeme funktionieren nicht über Ehrlichkeit.
Sie funktionieren über dosierte Anpassung.

Das Trauma nach dem Satz

Der eigentliche Schmerz entsteht oft nicht während des Verplapperns.
Sondern danach.

Denn viele Menschen mit ADHS erleben eine Form sozialer Nachbeben, die Außenstehende massiv unterschätzen:
ein Satz kann stundenlang, manchmal sogar tagelang oder auch jahrelang nachhallen, da das Gehirn immer und immer wieder die erlebte Situation mit all

  • den Gesichtsausdrücken,
  • den Reaktionen,
  • der Stille,
  • der Tonalität und
  • der eigenen Wortwahl

    abspielt,
    was bei vielen Menschen mit ADHS zu einer extremen sozialen Hypervigilanz führen kann, welche sich in der Beobachtung
  • ob Nachrichten anders formuliert werden,
  • ob jemand distanzierter wirkt,
  • ob die Stimmung kippt,
  • ob sie „zu viel“ waren

äußert, während die meisten anderen Menschen die Situation meist schon längst vergessen haben und man selbst diese wie einen inneren Gerichtsprozess mit sich herumträgt.

Denn die emotionale Dysregulation bei ADHS kann dazu führen, dass soziale Ablehnung oder auch nur vermutete Kritik außergewöhnlich intensiv erlebt wird, was jedes Verplappern schnell zu mehr als nur einem Kommunikationsfehler, nämlich zu einer Bedrohung des gesamten Zugehörigkeitsgefühls, entstehen lassen kann.

„Du redest zu viel.“: eine Botschaft, die Identität zerstören kann

Viele Menschen mit ADHS hören bereits schon in jungen Kindheitstagen:

  • „Lass andere auch mal reden.“
  • „Du bist zu laut.“
  • „Nicht immer alles erzählen.“
  • „Das interessiert doch keinen.“
  • „Jetzt hör endlich auf.“
  • „Kannst du dich auch mal kurzfassen?“

Was jedoch wie harmlose Erziehungsbotschaften wirkt, kann sich tief ins Selbstbild eingraben.

Denn Sprache ist nicht nur Kommunikation.
Sprache ist Persönlichkeit.
Verbindung.
Lebendigkeit.
Begeisterung.
Authentizität.

Wenn ein Mensch immer wieder vermittelt bekommt, dass seine natürliche Ausdrucksweise „zu viel“ ist, entsteht häufig Selbstzensur.

Diese kann bei vielen Erwachsene mit ADHS irgendwann dazu führen, dass sie beginnen:

  • weniger zu reden,
  • Gedanken zurückzuhalten,
  • Begeisterung zu dämpfen,
  • Geschichten abzubrechen,
  • sich permanent zu überwachen.

Nicht jedoch, weil sie plötzlich kontrollierter wären, sondern weil sie Angst vor Ablehnung, Scham und dem erneuten „anstrengend“ zu wirken entwickelt und damit sowohl ihre Spontanität als auch ihr Gefühl von Sicherheit in ihre eigene Persönlichkeit verloren haben, sondern anhand der Wirkung ihrer ungefiltertesten Sekunden.

„Verplappert“ ist oft kein Charakterfehler

„Verplappert“ ist oft kein Charakterfehler, sondern ein Nervensystem unter Dauerstrom.
Was nicht bedeutet, dass impulsive Kommunikation folgenlos ist.
Ganz im Gegenteil:
Worte können verletzen.
Grenzen bleiben wichtig.
Reflexion bleibt notwendig.

Aber der gesellschaftliche Umgang mit der Kommunikation von Menschen mit ADHS ist oft erschreckend oberflächlich.

Denn statt zu fragen:
„Warum passiert dir das?“ oder „Was brauchst du?“

…wird vorschnell bewertet:
„Was stimmt mit dieser Person nicht?“

Dabei wäre die ehrlichere Frage häufig:
Wie viel Energie kostet es einen Menschen eigentlich, permanent gegen sein eigenes Nervensystem anzukämpfen?

Die Gesellschaft kontrolliert die Kommunikation

Viele Menschen mit ADHS verbringen ihr Leben damit, „angemessen“ wirken zu wollen.
Weniger intensiv.
Weniger spontan.
Weniger emotional.
Weniger sichtbar.

Doch vielleicht liegt das Problem nicht ausschließlich bei ihnen?

Vielleicht ist auch eine Gesellschaft problematisch, die ausschließlich kontrollierte Kommunikation akzeptiert und alles andere sofort pathologisiert oder abwertet.

Denn nicht jeder Mensch, der sich verplappert, ist rücksichtslos.
Nicht jeder impulsive Satz ist böse gemeint.
Nicht jedes Oversharing ist Aufmerksamkeitssuche.

Manchmal ist es einfach ein Gehirn, das schneller spricht, als die Welt bereit ist zuzuhören.


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