„Man gönnt sich ja sonst nichts.“ ist der Impuls in Annas Blognacht, an der ich aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich teilnehmen kann.

Für viele Menschen ist dieser Satz ein kleiner Scherz.

Ein augenzwinkernder Kommentar, wenn man sich ein Stück Kuchen bestellt, ein neues Buch kauft oder nach Monaten der Sparsamkeit etwas Besonderes leistet.

Für viele Menschen mit ADHS hat dieser Satz jedoch eine ganz andere Bedeutung. Denn hinter ihm verbirgt sich oft weit mehr als gelegentliche Belohnung.

Er wird zur Rechtfertigung.
Zur Bewältigungsstrategie.
Zum Trostpflaster.
Zum Selbstschutz.
Zum Versuch, sich für einen kurzen Moment besser zu fühlen.

Und manchmal wird er zum Anfang einer Spirale, die man erst bemerkt, wenn das Geld weg, die Wohnung voller ungenutzter Dinge und die Euphorie längst verschwunden ist.

Während Außenstehende häufig nur sehen, dass Menschen mit ADHS angeblich „nicht mit Geld umgehen können“, übersehen sie einen entscheidenden Punkt:

viele dieser Ausgaben haben erstaunlich wenig mit Luxus zu tun.

Sie haben mit einem Gehirn zu tun, das ständig auf der Suche nach etwas ist, das andere oft selbstverständlich zur Verfügung haben:

Dopamin.

Und genau deshalb ist ADHS manchmal nicht nur anstrengend.
Sondern verdammt teuer.

Der kleine Kauf, der sich für fünf Minuten wie Glück anfühlt

Menschen mit ADHS kennen dieses Gefühl oft sehr genau.

Plötzlich entdeckt man etwas:

Ein Buch.
Eine neue Hobbyidee.
Ein Kleidungsstück.
Ein Werkzeug.
Ein Gadget.
Einen Kurs.
Eine App.

Innerhalb weniger Minuten entsteht Begeisterung und das Gehirn malt sich bereits aus:

  • wie toll das sein wird,
  • wie sehr das das Leben verändern wird,
  • wie motiviert man dadurch sein wird,
  • wie viel besser danach alles läuft.

Ausschließlich der Moment des Kaufens selbst, also weder der Besitz, noch die Nutzung, geschweige denn das langfristige Ergebnis wird dabei häufig, aufgrund der Entstehung der größten Dopaminausschüttung, zum eigentlichen Höhepunkt.

Denn Dopamin interessiert sich nicht dafür, ob etwas sinnvoll ist.
Dopamin interessiert sich ausschließlich dafür, ob etwas aufregend ist.

Und Aufregung verkauft sich hervorragend.

Die Amazon – Falle: Wenn Vorfreude mehr wert ist als das Paket

Viele Menschen glauben, dass impulsive Käufe wegen des Produkts stattfinden.

Doch dieses stimmt oft nicht.
Tatsächlich beginnt die Belohnung bereits deutlich früher:

  • beim Suchen.
  • beim Vergleichen.
  • beim Lesen von Bewertungen.
  • beim Anschauen von Videos.
  • beim Zusammenstellen des Warenkorbs.

Die Vorfreude wird somit zum eigentlichen Erlebnis.

Doch dann passiert etwas, das viele Betroffene nur zu gut kennen:

Das Paket kommt an.
Man öffnet es.
Und plötzlich fühlt man …
nichts.

Die Euphorie ist verschwunden.

Das Produkt ist da.
Der Reiz ist weg.

Und das Gehirn?
Das beginnt bereits nach dem nächsten Dopaminkick zu suchen.

Nicht weil man undankbar wäre.
Sondern weil die Jagd häufig spannender war als die Beute.

Warum die Wohnung voller Hobbys sein kann

Kaum ein Thema wird unter Menschen mit ADHS so häufig diskutiert wie die berühmten Hobbyfriedhöfe.

Da stehen:

  • die Nähmaschine,
  • die Staffelei,
  • die Ukulele,
  • die Cricut,
  • die Kamera,
  • die Häkelnadeln,
  • die Aquaristik-Ausrüstung,
  • die Backutensilien,
  • die Kerzengieß-Sets.

Und jedes einzelne Hobby begann mit echter Begeisterung.

Das ist wichtig zu verstehen.
Denn es war nicht gespielt.
Nicht oberflächlich.
Nicht halbherzig.

Die Begeisterung war absolut real.

Doch das Interesse und die langfristige Aufrechterhaltung sind zwei völlig verschiedene Fähigkeiten und machen es daher problematisch.
Denn viele Menschen mit ADHS verlieben sich nicht in Hobbys, sondern in Möglichkeiten.

Und Möglichkeiten gibt es unendlich viele.

„Diesmal wird alles anders“ – Die gefährlichste Lüge des Dopamins

Vor jedem Impulskauf steht oft derselbe Gedanke:

„Diesmal ziehe ich es wirklich durch.“

Und in diesem Moment glaubt man das sogar.
Aufrichtig.
Ehrlich.
Vollkommen überzeugt.

Denn das Gehirn sieht nicht die vergangenen zwanzig Projekte.
Es sieht ausschließlich die aktuelle Begeisterung.

Die Erinnerung an frühere Erfahrungen wird von der Intensität des aktuellen Moments regelrecht überstrahlt.

Deshalb entstehen immer wieder dieselben Kreisläufe:

Begeisterung.
Kauf.
Motivationshoch.
Interesseverlust.
Schuldgefühle.
Neuer Kauf.
Neue Hoffnung.
Und wieder von vorne.

Nicht aus Dummheit, sondern weil das Gehirn den gegenwärtigen Reiz oft deutlich stärker bewertet als vergangene Erfahrungen.

Das Problem ist selten Verschwendung, sondern die Selbstregulation

Viele Menschen werfen Betroffenen vor:

„Dann kauf doch einfach nichts.“

Das klingt logisch.
Ist jedoch ungefähr so hilfreich wie:

„Dann sei doch einfach nicht traurig.“

Denn häufig geht es gar nicht primär um den Gegenstand.
Es geht um den Zustand, welchen der Kauf regulieren soll.

Er soll:

  • Langeweile vertreiben,
  • Frust lindern,
  • Überforderung dämpfen,
  • Erschöpfung kompensieren,
  • innere Leere füllen,
  • Motivation erzeugen.

Der Gegenstand wird dabei zum Werkzeug, wo das eigentliche Ziel doch das Gefühl dahinter ist und genau deshalb auch reine Spartipps oft erstaunlich wenig helfen.

Die unsichtbare ADHS-Steuer

Es gibt eine Steuer, die nirgendwo auf der Gehaltsabrechnung auftaucht und dennoch viele Menschen mit ADHS sie ihr ganzes Leben lang zahlen:

die ADHS – Steuer.

Sie besteht aus:

  • vergessenen Kündigungen,
  • Mahngebühren,
  • doppelten Käufen,
  • verloren gegangenen Gegenständen,
  • abgelaufenen Gutscheinen,
  • verspäteten Rücksendungen,
  • unnötigen Expressbestellungen,
  • nicht genutzten Abonnements.

Jeder einzelne Betrag mag klein erscheinen.
Doch über Jahre summieren sich daraus teilweise Tausende Euro.
Nicht weil Betroffene verantwortungslos wären, sondern weil Organisation, Zeitmanagement und Aufmerksamkeitssteuerung Geld kosten können, wenn sie erschwert sind.

Warum Selbstfürsorge manchmal wie Konsum aussieht

Viele Menschen mit ADHS haben eine lange Geschichte von Kritik, Ablehnung und Selbstzweifeln hinter sich.

Dadurch entsteht oft ein enormes Bedürfnis nach kleinen positiven Momenten, wie zum Beispiel sich etwas Schönes zu kaufen, etwas Neues auszuprobieren, sich etwas zu gönnen, womit für einen Augenblick das Gefühl „Jetzt geht es mir besser.“ entsteht.

Und tatsächlich kann der Konsum echte Bedürfnisse kurzfristig überdecken, jedoch nur selten dauerhaft erfüllen.

Denn weder verschwindet Einsamkeit durch Pakete oder die Erschöpfung durch Bestellungen, noch ensteht der Selbstwert durch Kreditkartenabrechnungen.

Weil jedoch kurzfristige Erleichterung oft leichter erreichbar ist als nachhaltige Veränderung greifen viele Menschen mit ADHS immer wieder darauf zurück.

Der Perfektionismus hinter den Impulskäufen

Ein Aspekt wird erstaunlich selten erwähnt:

viele Käufe entstehen nicht trotz hoher Ansprüche, sondern wegen hoher Ansprüche.

Das neue Notizbuch soll endlich Ordnung schaffen.
Die neue App soll endlich Struktur bringen.
Der neue Kalender soll endlich funktionieren.
Der neue Kurs soll endlich den Durchbruch bringen.
Der neue Planer soll endlich das Chaos beseitigen.

Hinter vielen Impulskäufen steckt deshalb kein Mangel an Motivation, sondern ein Übermaß an Hoffnung.
Die Hoffnung, endlich die Version seiner selbst zu werden, die man schon immer sein wollte.

Warum Scham das Problem oft verschlimmert

Menschen mit ADHS wissen häufig selbst sehr genau, wenn sie unvernünftig gehandelt haben.

Sie brauchen selten jemanden, der sie darauf hinweist, denn die Scham ist meistens bereits vorhanden.

Und genau diese Scham wird oft zum nächsten Problem.
Denn unangenehme Gefühle erzeugen Stress, der wiederum ein Bedürfnis nach Regulierung erzeugt, was die Suche nach Dopamin erzeugt.

Und plötzlich erscheint der nächste Kauf wieder erstaunlich attraktiv.

Die Scham über Impulskäufe kann dadurch paradoxerweise neue Impulskäufe fördern.

Ein Kreislauf, der jedoch von außen kaum sichtbar ist.

Die Welt ist eine einzige Dopamin – Falle

Man muss sich nur einmal bewusst machen, womit Menschen täglich konfrontiert werden:

  • personalisierte Werbung,
  • Rabattaktionen,
  • Blitzangebote,
  • Social Media,
  • Influencer,
  • Push – Nachrichten,
  • One – Click – Bestellungen,
  • Kauf – auf – Rechnung – Systeme.

Milliardeninvestitionen fließen weltweit in die Frage:

„Wie bringen wir Menschen dazu, spontan zu kaufen?“

Was für Menschen mit ADHS bedeutet, dass sie sich täglich durch eine Umgebung, die gezielt auf genau jene Schwachstellen abzielt, mit denen sie ohnehin kämpfen, bewegen.

Das ist kein Zeichen persönlicher Schwäche.

Es ist eine reale Herausforderung in einer Wirtschaft, die Aufmerksamkeit und Impulsivität monetarisiert.

Die Wahrheit über „man gönnt sich ja sonst nichts“

Vielleicht ist dieser Satz deshalb so gefährlich, weil er oft nicht ganz ehrlich ist.
Denn viele Menschen mit ADHS gönnen sich nicht „sonst nichts“.
Sie gönnen sich oft erstaunlich wenig von dem, was sie tatsächlich brauchen:

  • Ausreichend Pausen,
  • Genug Schlaf,
  • Unterstützung,
  • Struktur,
  • Verständnis,
  • Selbstmitgefühl,
  • Entlastung,
  • Verlässliche Beziehungen.

Stattdessen wird häufig versucht, diese Bedürfnisse durch Dinge zu ersetzen.

Nicht bewusst.
Nicht absichtlich.
Aber immer wieder.

Und genau deshalb liegt die eigentliche Herausforderung nicht darin, nie wieder impulsiv etwas zu kaufen.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, zu erkennen, welches Bedürfnis hinter dem Kauf steht.

Denn manchmal möchte man tatsächlich einfach nur ein neues Buch.

Manchmal möchte man aber auch Trost.
Anerkennung.
Entlastung.
Hoffnung.

Oder das Gefühl, endlich einmal genug zu sein.

Und kein Paket der Welt kann diese Bedürfnisse dauerhaft erfüllen.

Was weder bedeutet, dass Menschen mit ADHS verschwenderisch sind, noch, dass sie keine Verantwortung tragen.

Es bedeutet lediglich, dass hinter dem berühmten Satz „Man gönnt sich ja sonst nichts“ oft eine deutlich tiefere Wahrheit steckt:

viele Menschen mit ADHS kaufen nicht nur Dinge.

Sie kaufen für einen kurzen Moment das Gefühl, das ihr Gehirn ihnen viel zu selten kostenlos zur Verfügung stellt.


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