Gibt es ein besseres Thema in Bezug auf Neurodiversität, als die Herausforderung in unserer Gesellschaft dazuzugehören, zu wollen?
Doch, was hat, Neurodivergenz in der Gesellschaft mit dem dazuzugehören wollen zu tun?
Wir leben doch alle in dieser Gesellschaft.
Gehören wir dann nicht alle dazu?
Die Gesellschaft ist genormt
Überall, wo man hinblickt, gibt es Normen und Werte:
- hallo, tschüss, bitte und danke sagen
- in die Augen sehen beim Miteinaderreden
- Pünktlich sein
- ausreden lassen
- angepasst sein
- Hände schütteln
- in der Kirche nicht laut reden
- Smalltalk
- geduldig sein
- flexibel sein
- offen sein für Neues
- Freundschaften pflegen
- Sprichwörter, Redewendungen, Ironie verstehen
- wertschätzende Kommunikation
- Regeln und Vorschriften
- Diagnosen / Therapien
- der Mensch
Der neurotypische Mensch
Ein neurotypischer Mensch kann sich an die Werte und Normen der Gesellschaft anpassen. Abhängig von seiner Tagesform, der Situation und den anstehenden Terminen, hat er mal mehr, mal weniger Herausforderungen
- sich an Regeln und Vorschriften zu halten,
- Dinge zu tun, auf die er keine Lust hat / die für ihn nicht nachvollziehbar sind,
- aufmerksam zu bleiben,
- Prioritäten zu setzen,
- flexibel und spontan zu sein,
- direkt eine Antwort zu haben,
- Smalltalk zu halten,
- sich zurückzuhalten,
- strukturiert zu arbeiten,
- sich auf einen Gedanken zu konzentrieren,
- Termine einzuhalten.
Der neurodivergente Mensch
Ein neurodivergenter Mensch hat damit täglich seine Herausforderungen.
Und nicht nur er selbst.
Sondern auch sein Umfeld.
Sei es privat (Freunde, Partnerschaft, Familie) aber auch beruflich (Arbeitskollegen, Klientel, Kunden).
Lass es mich an einem Beispiel in Bezug auf Zeitmanagement erläutern:
Zeitmanagement
Als neurotypischer Mensch verabredest du dich um 18 Uhr mit deinem neurodivergenten Freund.
Du gehst eventuell vorher arbeiten, machst deinen Haushalt, gehst noch duschen. Und bist Punkt18 Uhr da. Vielleicht 10 Min. früher.
Dein Freund ist am Tag hyperfokussiert auf eure Verabredung um 18 Uhr. Er versucht den ganzen Tag an nichts anderes zu denken, um es ja nicht zu vergessen und auch pünktlich zu sein. 17 Uhr (ist nur ein Beispiel und absolut individuell. Es könnte zum Beispiel auch 17:30 Uhr da stehen) schaut er auf die Uhr und denkt sich
- entweder: er geht jetzt direkt los, nicht, dass er zu spät ist; ihm ist Pünktlichkeit schließlich wichtig und kommt nach wenigen Minuten am vereinbarten Treffpunkt an – viel zu früh.
- oder: „ach noch eine Stunde: das reicht ja noch, um den Müll runter zu bringen, den Abwasch zu machen, zu saugen und mich noch fertig zu machen“.
Auf dem Weg zum Mülleimer sieht er das Parfum, was er gekauft und noch nicht ins Bad geräumt hat. Dieses bringt er ins Bad und sieht dort die Wäsche, die ins Schlafzimmer gehört. Diese bringt er ins Schlafzimmer und sieht, bevor er diese weg geräumt hat, den Wäschekorb mit der Wäsche, die noch in die Waschmaschine in den Keller sollte; was er auch direkt macht.
Ohne den Müll.
Wieder in der Wohnung angekommen, bekommt er Durst und geht in die Küche. Dort sieht er den Müll und den Abwasch und erinnert sich, dass er dieses ja noch machen wollte. Erledigt dieses, schaut auf die Uhr und erschreckt: „Verdammt, schon kurz vor 18 Uhr. Aber kurz duschen schaffe ich noch“.
Doch vorher stelle ich den Müll vor die Wohnungstür, um ihn nachher mit hinauszunehmen.
Mal eben schnell ins Schlafzimmer, „oh nein, ich hab die Wäsche noch gar nicht weggeräumt, mach’ ich mal eben schnell“, dann die Kleidung holen und ab ins Bad.
Auf dem Weg durch den Flur Krümel auf dem Boden – den Staubsauger holen und die paar Krümel wegsaugen dauert ja nicht so lange. Also kurz geholt, gesaugt, wieder weggebracht.
Schnell duschen, anziehen, Schlüssel und Handy nicht vergessen, mitzunehmen, an den Müll denken und los geht es.
Am verabredeten Ort angekommen, schaut er auf die Uhr, denn so zu spät kann er ja gar nicht sein, ging doch alles sehr schnell:
kurz vor 19 Uhr! – Verdammt, wieder zu spät, VIEL zu spät.
„Warum schaffe ich es nicht ein einziges Mal, die Zeit richtig einzuschätzen?“
Und nein, ein Wecker stellen, die Sachen aufzuschieben oder an etwas anderes zu denken und dementsprechend den Tag zu nutzen, um die Hausarbeit zu machen ist keine Lösung. Also, eine Lösung ist es schon, jedoch nicht umsetzbar. Denn Menschen mit ADHS sind impulsiv – gedanklich im Kopf und / oder mit sichtbaren Handlungen. Oder deshalb nicht mal eben so veränderbar.
Freundschaften pflegen
Auch neurodivergente Menschen, so wie neurotypische Menschen auch, möchten Menschen um sich herum haben.
Möchten Menschen haben, auf die sie sich verlassen können.
Möchten Menschen haben, die ihnen wichtig sind.
Möchten Menschen haben zum Reden, zum Treffen.
Möchten Freunde haben!
Doch für neurotypische Menschen bestehen Freundschaften aus regelmäßigem, beidseitigem melden, nachfragen, pünktlich sein, Verabredungen einhalten, erreichbar sein, ein offenes Ohr haben.
Für neurodivergente Menschen kann es eine Herausforderung sein, nach der Frage des anderen, wie es einem geht und der Beantwortung dieser noch den anderen zu fragen, wie es ihm geht. Denn das war ja gar nicht die Frage. Was jedoch nichts mit ignorieren oder nicht wertschätzen zu tun hat.
Neurodivergente Menschen brauchen nach einem Tag mit Menschen auch eher mal eine Pause von all den Reizen, die sie im Überfluss erlebt haben. Haben davon vielleicht sogar körperliche Schmerzen, können weder Licht noch Töne ertragen – wollen einfach nur alleine sein; sich davon erholen. Melden sich vielleicht dann auch nicht.
Dazuzugehören wollen
Und doch wollen wir alle, ob neurotypisch oder neurodivergent, doch nur eines: dazuzugehören!
Doch, solange es in unserer Gesellschaft Normen / Verhaltensweisen gibt, die genormt sind, die der Norm entsprechen, können neurodivergente Menschen, (Menschen mit ADHS, die sich im ASS befinden) nicht dazu gehören.
Sie sind nicht neurotypisch.
Entsprechen nicht der Norm.
Doch warum sind Menschen überhaupt genormt?
Sind neurotypische Menschen alle gleich?
Sind neurodivergente Menschen alle gleich?
Sind wir nicht alle Individuen?
Sollte es nicht um den Wert als Mensch gehen?
Diesen zu sehen und ihn in der Gesellschaft zu inkludieren?






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