Weihnachten gilt als Zeit der Besinnlichkeit, der Nähe, der Rituale und der Ruhe.
In der kollektiven Vorstellung bedeutet das:
Kerzenschein, harmonische Gespräche, leise Musik, entschleunigte Tage.
Doch diese Vorstellung ist eine Norm.
Keine Realität für alle!
Für viele Menschen mit ADHS sind die Weihnachtsfeiertage kein Innehalten, sondern ein emotionaler, sensorischer und sozialer Ausnahmezustand.
Nicht, weil sie Weihnachten „nicht mögen“, sondern weil die Feiertage eine Vielzahl von Belastungen bündeln, die sonst über das Jahr verteilt sind.
Diese Dynamiken bleiben oft unsichtbar.
Und genau darüber muss gesprochen werden.
Reizüberflutung statt Besinnlichkeit
Weihnachten bringt eine extreme Verdichtung von Reizen mit sich:
Lichter, Gerüche, Musik, Gespräche, Erwartungen, Zeitdruck.
Studien zur sensorischen Verarbeitung zeigen, dass Menschen mit ADHS Reize weniger filtern und intensiver wahrnehmen.
Was für andere stimmungsvoll ist, kann sich wie permanenter Lärm anfühlen:
mehrere parallele Gespräche, flackernde Kerzen, laufender Fernseher und Hintergrundmusik führen nicht zu Gemütlichkeit, sondern zu Überforderung.
Das Nervensystem kommt nicht zur Ruhe, sondern bleibt im Alarmmodus.
Auch dann, wenn äußerlich „alles schön“ ist.
Der soziale Marathon der Feiertage
Die Weihnachtszeit ist sozial hoch verdichtet:
Familientreffen, Besuche, Verpflichtungen, Erwartungen an Präsenz und Anpassung.
Für Menschen mit ADHS ist soziale Interaktion oft mit erhöhter kognitiver und emotionaler Anstrengung verbunden.
Besonders in Gruppen.
Smalltalk, unausgesprochene Regeln, Rollenbilder und alte Familiendynamiken kosten Energie.
Studien zeigen, dass soziale Überforderung ein häufiger Auslöser für emotionale Dysregulation ist.
An Weihnachten fehlt jedoch häufig die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, ohne als unhöflich oder undankbar zu gelten.
Erwartungen, die sich nicht abschalten lassen
„Jetzt reiß dich doch mal zusammen, es ist doch Weihnachten.“
Solche Sätze sind kein Trost, sondern Druck.
Die Feiertage sind emotional aufgeladen und normativ stark besetzt.
Es gibt klare Vorstellungen davon, wie man sich zu fühlen, zu verhalten und zu funktionieren hat.
Für Menschen mit ADHS bedeutet das jedoch:
Maskieren auf Höchstniveau.
Das ständige Regulieren von Impulsen, Emotionen und Reaktionen ist anstrengend.
Und wissenschaftlich belegt mit erhöhtem Stressniveau verbunden.
Je höher die Erwartung an „Harmonie“, desto größer die innere Anspannung.
Zeit: entweder zu viel oder zu wenig
Die Feiertage bringen paradoxe Zeitprobleme mit sich.
Einerseits gibt es starre Abläufe:
feste Essenszeiten, Programmpunkte, Termine.
Andererseits entstehen Leerlaufphasen, die gesellschaftlich als „entspannend“ gelten.
Doch Langeweile wirkt bei ADHS nicht beruhigend, sondern kann innere Unruhe, Gedankenspiralen und körperliche Anspannung verstärken. Gleichzeitig führt Zeitdruck, etwa beim Vorbereiten von Festessen oder Geschenken, zu Stress und Überforderung.
Diese widersprüchliche Zeitstruktur ist ein klassischer Konflikt.
Emotionale Altlasten an einem Tisch
Familientreffen aktivieren oft alte Muster:
Rollen aus der Kindheit, frühere Konflikte, unausgesprochene Erwartungen.
Neurobiologische Forschung zeigt, dass emotionale Erinnerungen bei ADHS besonders stark reaktiviert werden können.
Das bedeutet:
ein beiläufiger Kommentar kann intensive emotionale Reaktionen auslösen; nicht aus Überempfindlichkeit, sondern aus neurologischer Verarbeitung.
Weihnachten wird so schnell zum emotionalen Minenfeld, insbesondere wenn Verständnis und Wissen fehlen.
Perfektionismus trifft Erschöpfung
Viele Menschen mit ADHS kompensieren im Alltag durch hohen Einsatz, Kreativität und Anpassungsleistung.
An Weihnachten kulminiert dieser innere Perfektionismus:
alles soll schön, stimmig, bedeutungsvoll sein.
Gleichzeitig ist das Jahr oft bereits kräftezehrend gewesen.
Studien zeigen, dass Menschen mit ADHS ein erhöhtes Risiko für Erschöpfungszustände, vorwiegend in Phasen erhöhter sozialer und emotionaler Anforderungen, haben.
Die Diskrepanz zwischen innerem Anspruch und verfügbarer Energie führt nicht selten zu Schuldgefühlen.
Wenn Rückzug falsch verstanden wird
Rückzug ist kein Desinteresse.
Kein Trotz.
Keine Ablehnung.
Er ist oft ein notwendiger Regulationsmechanismus.
Dennoch wird Rückzug an Weihnachten schnell als Affront gedeutet:
„Warum sitzt du allein?“
oder
„Sei doch dabei.“
Das Problem ist nicht der Wunsch nach Nähe, sondern die fehlende Akzeptanz unterschiedlicher Bedürfnisse.
Psychologische Forschung zeigt, dass fehlende Autonomie bei gleichzeitiger Überforderung das Stresslevel massiv erhöht, welcher ein zentraler Faktor für emotionale Eskalationen an Feiertagen darstellt.
Kinder, Verantwortung und Selbstvergessenheit
Für Eltern mit ADHS, hauptsächlich Mütter, potenziert sich die Belastung.
Neben den eigenen Herausforderungen kommen Organisation, emotionale Begleitung der Kinder, Erwartungsmanagement und gesellschaftlicher Druck hinzu.
Studien zur mentalen Last zeigen, dass Frauen überdurchschnittlich viel unsichtbare Organisationsarbeit leisten; an Weihnachten besonders. Die eigenen Bedürfnisse rücken dabei oft in den Hintergrund, was langfristig zu Überlastung führt.
Gesellschaftliche Romantisierung vs. Realität
Weihnachten wird medial und gesellschaftlich romantisiert.
Diese Romantisierung lässt wenig Raum für Ambivalenz, Überforderung oder Abweichung.
Wer Weihnachten nicht „genießt“, gilt schnell als schwierig oder undankbar.
Doch psychische Gesundheit misst sich nicht daran, wie gut jemand ein normiertes Fest erträgt.
Der Druck, sich anzupassen, verhindert offene Gespräche, was Isolation und Scham verstärkt.
Was wirklich helfen würde
Was Menschen mit ADHS an Weihnachten brauchen, ist nicht mehr Disziplin oder Dankbarkeit, sondern:
- flexible Strukturen statt starrer Abläufe
- Reizreduktion statt Dauerbeschallung
- Akzeptanz von Rückzug
- klare Kommunikation statt unausgesprochener Erwartungen
- das Recht, Feiertage anders zu gestalten.
Forschung zur Neurodivergenz zeigt klar:
Anpassung darf keine Einbahnstraße sein.
Denn Inklusion bedeutet nicht, dass alle gleich feiern, sondern dass Unterschiedlichkeit Platz hat.
Weihnachten neu denken
Vielleicht ist es an der Zeit, Weihnachten nicht länger als Leistungsschau emotionaler Stabilität zu begreifen.
Vielleicht darf Weihnachten auch ruhig, leise, kurz oder unperfekt sein, was für manche Menschen weniger Menschen bedeuten könnte.
Für andere mehr Pausen.
Für wieder andere einen ganz normalen Tag.
All das ist legitim.
Psychische Gesundheit entsteht nicht durch Tradition, sondern durch Passung.
Ein ehrlicher Abschluss
ADHS macht Weihnachten nicht kaputt.
Unwissen, Erwartungen und fehlende Rücksicht tun es.
Wenn wir beginnen, Feiertage nicht als Prüfstein für „Normalität“, sondern als Möglichkeit für echte Begegnung zu sehen, entsteht Raum. Raum für Ehrlichkeit.
Raum für Rückzug.
Raum für Anderssein.
Und vielleicht, genau dort, auch für eine neue Form von Nähe.






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