„Ordnung ist das halbe Leben“ – so sagt man.
Was ist eigentlich mit der anderen Hälfte des Lebens?
Doch für Menschen mit ADHS ist sie jedoch oft das halbe Überleben.
Was nach einem harmlosen Spruch klingt, ist für neurodivergente Menschen eine tägliche Herausforderung.
Ordnung zu halten bedeutet nicht nur, Dinge an ihren Platz zu legen, sondern auch, das innere Chaos zu bändigen, Reizüberflutung zu vermeiden und gegen exekutive Funktionsstörungen anzukämpfen.
In diesem Beitrag, welcher ein Teil der Blogparade „meine persönlichen (besten) Ordnungstipps“ ist, gebe ich dir einen persönlichen Einblick, wie ich als Frau mit ADHS versuche, Ordnung in meinem Alltag zu schaffen und was dieser Versuch wirklich bedeutet.
Ordnung beginnt im Kopf – und genau da liegt das Problem
Mit ADHS ist mein Gehirn ständig aktiv.
Gedanken springen, Prioritäten verschieben sich, Aufgaben überlagern einander.
Was morgens noch wichtig war, ist nachmittags verschwunden.
Ganz nach dem Mottto: aus den Augen, aus dem Sinn.
Ordnung zu halten heißt für mich:
- kämpfen gegen Ablenkung,
- gegen innere Unruhe,
- gegen eine ständige Reizüberflutung.
Das größte Hindernis ist oft nicht der Wäscheberg, sondern der Gedanke daran, wie ich anfangen soll.
Meine Strategien und warum sie nicht immer funktionieren
Kleine Zonen statt große Aufräumaktionen
Ich denke in kleinen Einheiten: eine Schublade statt ein ganzes Zimmer, nur die Oberflächen statt alle Schränke.
Das senkt die Hürde, anzufangen und verhindert Überforderung.
Sichtbare Ordnung
Was ich nicht sehe, existiert für mein Gehirn oft nicht.
Also: offene Regale, transparente Boxen, farbliche Codierung.
Timer und Body-Doubling
Ich stelle mir einen Wecker auf 15 Minuten.
Oder ich räume mit jemandem gemeinsam auf, auch virtuell, zum Beispiel im Buddy Coaching. Das hilft, im Tun zu bleiben.
Akzeptieren, dass Perfektion nicht das Ziel ist
An manchen Tagen herrscht Unordnung.
Innen wie außen.
Dann sage ich mir: Unordnung ist kein persönliches Versagen, sondern ein Ausdruck dessen, was ich gerade verarbeite.
Was ich mir wünsche
Weniger Bewertungen.
Mehr Verständnis.
Ordnung zu halten ist für Menschen mit ADHS kein Charakterfehler, sondern ein neurobiologischer Kraftakt.
Wenn ich unkonventionelle Systeme benutze oder Hilfe annehme, wünsche ich mir keine gut gemeinten Kommentare, sondern Offenheit und Neugier.
Denn Ordnung mit ADHS ist individuell. Sie sieht oft nicht nach einem Feed auf Instagram aus, sondern nach „praktisch“ und „gerade so genug“.
Manchmal kreativ-chaotisch, manchmal strukturiert im Mikrosystem.
Für mich ist Ordnung kein Selbstzweck.
Sie ist ein Werkzeug.
Für mehr Energie, weniger Reizflut und mehr Lebensqualität.
Und das darf, nein, muss, anders aussehen als bei neurotypischen Menschen.





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