„Warum eigentlich nicht?“
Diese Frage in der heutigen Jubiläums – Ausgabe der Blognacht (wir feiern 5 Jahre Blognacht) klingt harmlos.
Fast beiläufig.
Und genau deshalb ist sie so gefährlich.
Sie stellt Routinen infrage, ohne laut zu werden.
Sie widerspricht Erwartungen, ohne zu provozieren.
Und sie legt den Finger auf eine Stelle, die viele lieber vermeiden:
auf unhinterfragte Normen.
Für Menschen mit ADHS ist diese Frage kein Luxus, sondern Alltag.
Sie entsteht dort, wo Anpassung erwartet wird, obwohl sie krank macht.
Dort, wo Wege vorgegeben sind, die sich falsch anfühlen.
Und dort, wo Möglichkeiten existieren, aber nie als realistisch gedacht werden.
Dieser Text ist keine Verteidigung.
Er ist auch kein Plädoyer.
Er ist eine nüchterne, ehrliche Einladung, genauer hinzusehen.
Und sich zu fragen, warum so vieles als unmöglich gilt, obwohl es schlicht ungewohnt ist.
Warum eigentlich nicht anders lernen?
Das deutsche Bildungssystem misst Leistung immer noch bevorzugt an Konzentrationsdauer, Sitzfleisch und reproduzierbarem Wissen.
Studien zeigen seit Jahren, dass genau diese Kriterien nicht mit Kompetenz, Kreativität oder Problemlösefähigkeit gleichzusetzen sind.
Menschen mit ADHS zeigen in Lernkontexten oft ein hohes Maß an divergentem Denken, an vernetztem Wissen und an schneller Mustererkennung.
Trotzdem werden sie früh als „unaufmerksam“ oder „nicht leistungsfähig“ markiert.
Die Frage „Warum eigentlich nicht anders?“ stellt nicht die Lernenden infrage, sondern das System.
Warum wird Bewegung als Störung bewertet, obwohl sie nachweislich die kognitive Leistungsfähigkeit steigert?
Warum gilt monotones Wiederholen als effizient, obwohl das Gehirn auf Bedeutung, Emotion und Kontext reagiert?
Nicht ADHS scheitert am Lernen.
Lernen scheitert an der Weigerung, Vielfalt ernst zu nehmen.
Warum eigentlich nicht Pausen brauchen, wenn andere durchhalten?
Arbeitskulturen feiern Durchhaltevermögen:
Lange Tage, kurze Pausen, maximale Verfügbarkeit.
Dabei zeigen arbeitsmedizinische Studien klar:
Produktivität sinkt nachweislich bei Dauerbelastung, Fehlerquoten steigen, Kreativität bricht ein.
Menschen mit ADHS spüren diese Grenze oft früher.
Doch nicht, weil sie schwächer sind, sondern weil ihr Nervensystem Reizüberflutung weniger gut kompensiert.
Die Konsequenz ist somit nicht Faulheit, sondern Erschöpfung.
„Warum eigentlich keine Pausen?“ ist keine Bequemlichkeit.
Es ist eine physiologische Notwendigkeit.
Wer das ignoriert, riskiert langfristig Burnout, Depressionen und körperliche Erkrankungen.
Demnach sollte die eigentliche Frage lauten:
Warum wird Selbstfürsorge immer noch als individuelles Versagen gelesen und nicht als Kompetenz?





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