Weg von guten Absichten, hin zu tragfähigen Bedingungen

Wenn Ziele immer wieder scheitern, liegt der Verdacht nahe, dass man „einfach nicht konsequent genug“ ist.

Genau diese Annahme hält sich hartnäckig.
Ist jedoch faktisch falsch.

Menschen mit ADHS haben nicht zu viele Ziele, sondern zu viele Ziele, die an falschen Annahmen hängen:
An der Idee, dass Motivation planbar ist.
Dass Verhalten sich über Vorsätze steuern lässt.
Dass Wiederholung automatisch zur Gewohnheit wird. 

ADHS – freundliche Ziele setzen nicht bei Moral oder Disziplin an, sondern bei Funktionsweise.
Alles andere ist Selbstbetrug.

Ziele scheitern nicht an dir, sondern an der Konstruktion

Viele Ziele sind so gebaut, dass sie Stabilität voraussetzen:

  • gleichbleibende Energie,
  • konstante Aufmerksamkeit,
  • vorhersehbare Tage.

ADHS bringt jedoch schwankende Belastbarkeit, Reizüberflutung, Erschöpfung nach sozialen oder kognitiven Anforderungen mit sich.
Ein Ziel, was jedoch nur funktioniert, wenn alles „normal“ läuft, ist kein gutes Ziel.
Es ist ein Idealzustandsziel.
Und damit realitätsfern.

Scheitern ist hier kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles.

ADHS – freundliche Ziele beginnen nicht mit „Ich will“

„Ich will“ ist ein Satzanfang, der innere Steuerung voraussetzt.
Genau dort liegt aber bei ADHS die größte Hürde.

Ziele, die ausschließlich auf innerer Motivation basieren, brechen weg, sobald Stress, Müdigkeit oder Reizüberlastung einsetzen.
ADHS – freundliche Ziele starten deshalb nicht mit Absicht, sondern mit Analyse:

  • Was macht es schwer?
  • Was müsste wegfallen, damit es leichter wird?
  • Welche äußeren Bedingungen würden mich tragen, wenn meine innere Steuerung aussetzt?

Das ist kein Umdenken aus Bequemlichkeit, sondern ein realistischer Umgang mit neurologischen Gegebenheiten.

Ohne emotionale Relevanz bleibt jedes Ziel tot

Es ist gut belegt, dass rationale, sinnvolle Ziele bei ADHS kaum motivieren. 

Motivation entsteht hier über emotionale Aktivierung, wie das Interesse, die Bedeutung, die Dringlichkeit:
ADHS – freundliche Ziele versprechen Entlastung, Erleichterung, ein spürbares „danach“.
Ohne diesen emotionalen Mehrwert ist „ich sollte“ einer der sichersten Wege ins Aufschieben, womit jedes Ziel abstrakt bleibt, ein Fremdkörper wird.

Kleine Ziele sind nicht automatisch gute Ziele

„Mach es kleiner“ ist ein Standardrat.
Der jedoch oft wirkungslos bleibt.

Ein Ziel kann klein sein und trotzdem Widerstand auslösen, wenn es sich innerlich falsch anfühlt oder zusätzlichen Druck erzeugt.

ADHS – freundlich ist nicht klein, sondern passend.
Ein Ziel muss in den tatsächlichen Alltag integrierbar sein, nicht in einen theoretischen.
Es muss zur aktuellen Lebensphase passen, zur mentalen Kapazität, zur realen Belastung.
Alles andere erzeugt erneut das Gefühl, zu scheitern, obwohl die Zielwahl das eigentliche Problem war.

Verlässlichkeit entsteht durch Wiedererkennbarkeit, nicht durch Disziplin

Disziplin ist bei ADHS kein verlässlicher Faktor.

Was funktioniert, sind klare, wiedererkennbare Auslöser:
Handlungen, die an bestehende Abläufe gekoppelt sind, brauchen weniger kognitive Energie.
Ein Ziel, das jedes Mal neu entschieden werden muss, verliert.

ADHS – freundliche Ziele nutzen jedoch feste Anker im Alltag:

  • bestimmte Orte,
  • bestimmte Handlungen,
  • bestimmte Übergänge.

Nicht die Zeit, sondern der Kontext steuert das Verhalten.

Flexibilität ist kein Scheitern, sondern Voraussetzung

Viele Ziele scheitern nicht, weil sie nicht umgesetzt werden, sondern weil sie keine Abweichung erlauben.

Ein schlechter Tag reicht, und innerlich wird alles gestrichen.

Doch ADHS – freundliche Ziele sind von vornherein flexibel angelegt.
Sie rechnen mit Schwankungen, Ausfällen, Erschöpfung und haben eingebaute Notlösungen.

Flexibilität ist hier kein Kompromiss, sondern eine Überlebensstrategie.

Erfolg muss sofort spürbar sein

Das dopaminerge System reagiert schwach auf abstrakte, spätere Belohnungen, weshalb langfristige Ziele schnell ihre Zugkraft verlieren.

ADHS – freundliche Ziele hingegen erzeugen sofortige Rückmeldung:

  • ein Gefühl von Erleichterung,
  • ein sichtbares Ergebnis,
  • eine körperliche Veränderung.

Wenn ein Ziel nichts spürbar verbessert, wird es vom Gehirn aussortiert.
Nicht bewusst, sondern automatisch.

Das ist keine Sabotage, sondern Biologie.

Ziele ohne Fehlerfreundlichkeit erzeugen Rückzug

Viele Menschen mit ADHS haben gelernt, dass ein Fehler Abwertung bedeutet.

Ziele, die keinen Raum für Fehler lassen, aktivieren somit genau diese Erfahrung.
Was wiederum nicht zu mehr Anstrengung, sondern zu Rückzug führt.
ADHS – freundliche Ziele jedoch

  • normalisieren Unterbrechungen, 
  • erlauben Neustarts ohne Drama,
  • definieren Erfolg nicht über Kontinuität, sondern über Rückkehrfähigkeit.

Kontrolle ist weniger wirksam als Gestaltung

Selbstkontrolle kostet oft mehr Energie, als verfügbar ist.
Gestaltung hingegen entlastet.

  • Dinge sichtbar machen,
  • Hürden senken,
  • Ablenkung reduzieren,
  • Entscheidungen minimieren:

All das wirkt nachhaltiger als jedes „Ich muss mich mehr zusammenreißen“.

ADHS – freundliche Ziele setzen auf Umgebungsdesign statt Selbstdisziplin.
Nicht jedoch, weil man schwach ist, sondern weil es effizienter ist.

Ein gutes ADHS – Ziel fühlt sich leise machbar an

Große Motivation, euphorische Pläne, starke Vorsätze fühlen sich gut an, halten aber selten.

Tragfähige Ziele hingegen wirken unspektakulär.
Sie erzeugen kein Hochgefühl, sondern ein inneres „Das geht irgendwie“.
Und genau das ist das Signal, auf das man hören sollte.
Leise Machbarkeit schlägt große Ambition.

Du darfst Ziele neu denken

Ziele sind kein Beweis für Wert oder Leistungsfähigkeit.
Sie sind Werkzeuge.

Und wenn ein Werkzeug nicht funktioniert, liegt das nicht am Menschen, sondern am Werkzeug.

Daher orientieren sich ADHS – freundliche Ziele nicht an gesellschaftlichen Idealen, sondern an realen Bedürfnissen.
Es ist somit kein Rückzug.
Sondern Kompetenz.

Vielleicht geht es nicht darum, endlich „dranzubleiben“.
Vielleicht geht es darum, endlich aufzuhören, gegen sich zu arbeiten.
Das ist kein Aufgeben.
Das ist Anpassung, und die ist klug.
Verdammt klug.


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