„Was willst du mal werden, wenn du groß bist?“
Kaum eine Frage klingt harmloser und wirkt für viele Menschen gleichzeitig so tief nach.

Der Impuls der 64. Blognacht greift genau diesen Satz auf.
Einen Satz, der in Kinderzimmern gestellt wird, in Schulheften steht, auf Elternabenden auftaucht und sich später in Bewerbungsformularen, Jahresgesprächen und Biografien wiederfindet.

Für manche ist er ein freundlicher Ausblick.
Für andere ein lebenslanger innerer Konflikt.

Nicht, weil kein Wunsch existiert, sondern weil er sich ständig verändert, verzweigt, widerspricht, neu erfindet.

Daher handelt genau dieser Text sowohl von jenen Menschen, deren Lebenswege nicht in Kästchen passen, als auch davon, was es bedeutet, wenn „groß sein“ kein Ziel ist, sondern ein Zustand, der sich immer wieder verschiebt.

Wenn Zukunft früh gefragt wird, bevor Gegenwart verstanden ist

Studien zeigen, dass Kinder bereits im Grundschulalter beginnen, Selbstbilder zu entwickeln, die stark von Rückmeldungen aus dem Umfeld geprägt sind.
Denn wer früh als „unentschlossen“, „sprunghaft“ oder „unfokussiert“ gelesen wird, lernt schnell, dass Zukunftspläne begründet, erklärt und verteidigt werden müssen.

Dabei ist das kindliche Gehirn noch so weit davon entfernt, lineare Lebensentwürfe zu erfassen, dass der gesellschaftliche Druck, früh ein klares „Ich werde mal …“ zu formulieren, mit neurobiologischen Entwicklungsrealitäten kollidiert.

Was somit als Motivation gedacht ist, wird so oft zur ersten Quelle von Selbstzweifeln.

Berufswünsche, die sich nicht festhalten lassen

Viele Menschen berichten rückblickend nicht von einem Berufswunsch, sondern von Dutzenden:
heute Tierärztin,
morgen Autor,
übermorgen Meeresbiologin,
dann Sozialarbeiter,
später etwas mit Kunst,
dann doch Medizin.

Weil Systeme ausschließlich auf Spezialisierung ausgelegt sind, wird diese Wandlungsfähigkeit jedoch nicht als Stärke erkannt, sondern als Unentschlossenheit etikettiert.
Doch Vielfalt ist kein Mangel an Zielstrebigkeit, sondern ein Zeichen hoher kognitiver Offenheit.

Das Märchen vom „Ankommen“

Wer einen festen Beruf, eine klare Rolle sowie einen linearen Lebenslauf hat, gilt gesellschaftlich als „angekommen“.

Doch die Arbeitsmarktforschung zeigt seit Jahren, und das sowohl branchenübergreifend als auch altersunabhängig, dass die sogenannten Patchwork – Karrieren zunehmen:
Menschen wechseln Berufe, machen Umschulungen und kombinieren ihre Tätigkeiten.
Daher fühlt sich für Menschen, deren Entwicklung zyklisch verläuft, das Ideal an wie ein Maßstab, der nie passt, egal, wie erfolgreich sie objektiv sind.

Wenn Begabung nicht eindimensional ist

Psychologische Studien zu Hochsensibilität, Kreativität und divergenten Denkstilen zeigen, dass viele Menschen nicht über eine herausragende Stärke, sondern über viele mittel bis hoch ausgeprägte Fähigkeiten verfügen.
Doch unser Bildungssystem ist, obwohl Vielseitigkeit in komplexen Gesellschaften eine Schlüsselkompetenz darstellt, ausschließlich auf lineare Exzellenz ausgelegt.
Wer also vieles kann, aber nicht „nur das eine“, fällt durch Raster und erlebt den Satz „Du musst dich entscheiden“ somit nicht als Orientierung, sondern als Reduktion.

Das innere Kind und der Druck des Erwachsenseins

Viele Erwachsene tragen den Satz „Wenn ich groß bin, dann …“ nicht als kindliche Fantasie, sondern als unerfülltes Versprechen, als unerreichte Selbstentwürfe weiter mit sich, was, besonders dann, wenn sie nicht freiwillig aufgegeben, sondern angepasst wurde, um Erwartungen zu erfüllen, zu chronischer innerer Spannung führen kann.
Das „Großsein“ fühlt sich dann nicht wie Reife an, sondern wie ein Kompromiss mit sich selbst.

Biografien, die sich rückwärts verstehen

Neurowissenschaftlich betrachtet wird Sinn oft retrospektiv, im Rückblick, hergestellt.
Denn Lebenswege ergeben selten nach vorne hin Sinn.
So berichten Menschen mit nicht linearen Biografien häufig, dass ihre vielen Abzweigungen erst Jahre später ein stimmiges Bild ergeben. Denn schließlich entsteht Kohärenz nicht durch Geradlinigkeit, sondern durch Bedeutungszuschreibung.
Womit nicht der Weg das Problem ist, sondern die fehlende gesellschaftliche Sprache dafür.

Arbeit als Identität: eine fragile Konstruktion

Da in westlichen Gesellschaften der Beruf eng mit dem eigenen Selbstwert verknüpft ist, meint der Satz „Was machst du?“ nur selten die Tätigkeit, sondern eher den Menschen selbst.
Doch Studien zur Arbeitszufriedenheit zeigen, dass Menschen, deren Identität nicht ausschließlich über Erwerbsarbeit definiert ist, langfristig psychisch stabiler sind, was für Menschen mit wechselnden Interessen bedeuten kann, dass sie oft erst lernen müssen, sich nicht über Berufsbezeichnungen zu legitimieren, sondern über Werte, Haltungen und Wirkung.

Wenn Wachstum kein Ziel, sondern ein Zustand ist

Der Entwicklungspsychologe Erik Erikson beschrieb Identität als lebenslangen Prozess, und trotzdem tun wir so, als sei er mit dem Eintritt in das Erwachsensein abgeschlossen.
Doch „groß sein“ ist für viele Menschen kein Endpunkt, sondern ein permanentes Werden.
Womit das Problem somit nicht aus diesem Zustand, sondern aus der gesellschaftlichen Erwartung, dass er irgendwann aufhören müsse, entsteht.
Dabei zeigt die Forschung zur lebenslangen Neuroplastizität doch ganz klar, dass unsere Entwicklung nicht endet.
Sie verändert nur ihre Form.

Scheitern an Erwartungen, nicht an Fähigkeiten

Zudem belegen zahlreiche Studien, dass Menschen häufiger an äußeren Strukturen als an inneren Ressourcen scheitern.
Denn Zeitmodelle und Bewertungssysteme sowie starre Hierarchien bevorzugen bestimmte Denk- und Arbeitsweisen.
Wer jedoch anders funktioniert, zweifelt schnell an sich, statt am System.

Der Satz „Ich weiß noch immer nicht, was ich werden will“ ist oft kein Ausdruck von Orientierungslosigkeit, sondern von Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Komplexität.

Ein neuer Satz für ein anderes Erwachsensein

Vielleicht brauchen wir eine andere Frage.
Nicht: „Was willst du mal werden?“
Sondern:
„Wie möchtest du leben?“
„Was möchtest du beitragen?“

Denn Lebenszufriedenheit korreliert stärker mit Autonomie, Sinn und sozialer Verbundenheit als mit Status oder Titel.
Somit ist die Zukunft kein Ziel, das erreicht wird, sondern ein Raum, der gestaltet werden darf.
Immer und immer wieder neu.

Groß sein ist kein Versprechen, sondern ein Prozess

Vielleicht sind manche Menschen nie „fertig“.
Und vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.

Nicht, weil sie nichts erreichen, was auch immer erreichen bedeutet, sondern weil sie sich nicht aufhören zu entwickeln.

Und vielleicht ist „das will ich mal werden“ kein Satz für Kinder, sondern eine Einladung an Erwachsene, sich selbst nicht zu verlieren.

Nicht irgendwann.
Sondern jetzt.


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5 Antworten zu „ADHS und „das will ich mal werden (wenn ich groß bin)“

  1. […] Maria Klitz schreibt den Impuls und entwickelt im Schreiben den klugen Gedanken: Groß sein ist kein Versprechen, sondern ein Prozess. ADHS und „das will ich mal werden (wenn ich groß bin) […]

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  2. Der Mensch passt sich an,
    reagiert wie andere Menschen.

    Hört hin, wenn andere sprechen,
    merkt sich die Situation und die Worte.
    Verwendet sie selbst.

    Und das alles „NUR (!)“,
    um dazuzugehören,
    um Sicherheit zu haben.

    Doch,
    verliert man nicht sich selbst ein Stück,
    wenn man dazugehört?

    Kann, will und darf man dann noch authentisch sein?
    Wo es dich das ist,
    was viele predigen!

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  3. „Als was arbeitest du?“

    „Als Mensch“ …

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  4. Liebe Maria,
    dieses Verhandeln mit sich selbst, die permanente Suche nach Sinn, aber auch nach so etwas wie „Sicherheit“ und „Ankommen“, denn so sind nunmal die gesellschaftlichen Erwartungen… Das kenne ich alles nur zu gut. Als Kind wurde ich sicher gefragt, was ich werden wollte und möglicherweise habe ich dann was gesagt, was meine Freundinnen gesagt hätten. Ich dachte, das wäre die richtige Antwort, denn ich kannte meine eigene nicht. Dann musste ich für die Abizeitung eine Zukunftsperspektive formulieren – nicht mal den ersten Schritt habe ich umgesetzt. Und heute „bin“ ich etwas, das niemand anders sein könnte. Der Job ist ich und das ist auf der einen Seite cool, aber auf der anderen Seite verwirrend, denn was das bedeutet, kann niemand verstehen. Ich mag deinen Text – denn er zeigt, wie komplex dieses Thema eigentlich ist und versucht nicht, allzu viel zu erklären. Die Fragen sind stärker als die Erklärungen, daher: Danke!

    Liebe Grüße
    Anna

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  5. Diese Frage ist furchtbar. Genauso wenn man dann größer ist: Als was arbeitest du? Als ob man sich nur über seinen Beruf definiert! Ich habe früher immer mit „Rentner“ geantwortet.

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