Dieses Jahr wollte nicht verstanden werden.
Es wollte durchlebt werden.
Und selbst das war oft mehr, als eigentlich möglich schien.
Ein langer Lernweg fand seinen Abschluss:
Schreiben.
Reflektieren.
Präsentieren.
Ein Thema, das mir fachlich und existenziell nah ist,
durfte sichtbar werden.
Dieses war mutig.
Und vor allem notwendig.
Ich habe erlebt, wie wenig selbstverständlich Rücksicht selbst dort ist,
wo Fürsorge eigentlich zu Hause sein sollte.
Und wie wichtig es bleibt,
das nicht hinzunehmen.
Noch immer bin ich erschrocken darüber,
wie oft Wegsehen noch immer bequemer ist als Verantwortung.
Besonders dort, wo Schutz Pflicht wäre.
Mein Körper wurde geöffnet, repariert, erneut herausgefordert.
Heilung war kein gerader Weg, sondern ein vorsichtiges Vorantasten.
Und noch während ich damit beschäftigt war,
kam der Moment, der alles stoppte.
Ein Augenblick, der reichte,
um mein Arbeitsleben auf Pause zu setzen.
Bis heute.
Mein Körper rückte weiter ins Zentrum.
Nicht aus Achtsamkeit, sondern aus Zwang.
Tage wurden von Tablettenrhythmen strukturiert, Nächte von Schmerzen bestimmt.
Entscheidungen entstanden nicht aus Freiheit, sondern aus Notwendigkeit.
Ich habe gelernt, wie viel Energie es kostet, ständig funktionstüchtig zu wirken,
während innen alles um Stabilität ringt.
Mein Leben bestand zeitweise mehr aus Fluren, Wartezimmern und
Gesprächen mit medizinischem Vokabular als aus Alltag.
Antworten brachten neue Fragen mit sich.
Diagnosen veränderten nicht nur Perspektiven, sondern auch Beziehungen.
Und in dieser Phase, in der ich Halt gebraucht hätte, ging ein Mensch, der mir nahestand.
Zurück blieb nicht nur Trauer, sondern das langsame Erkennen von Dynamiken,
die ich lange nicht benennen konnte.
Worte, die nie bei mir ankamen.
Themen, die wechselten, ohne je zu berühren,
was gesagt worden war.
Nicht mehr zu reagieren war kein Schweigen.
Es war eine Entscheidung.
Denn manche Muster zeigen ihre ganze Tragweite erst,
wenn man nicht mehr mitten in ihnen steckt.
Und ja,
ihre Spuren sind bis heute spürbar.
In dieser Zeit habe ich Entscheidungen für meinen Körper getroffen.
Sichtbar.
Selbstbestimmt.
Kleine Zeichen von Autonomie.
Doch mein Körper war nicht nur Ort von Schmerz,
sondern auch von Bewegung.
Schritt für Schritt.
Strecke um Strecke.
Nicht als Leistung.
Sondern als Zeichen:
ich gehe noch.
Bewegung fand auch in anderer Form ihren Platz.
Ruhiger.
Regelmäßiger.
Und doch gab es Lichtpunkte.
Einen Abend, an dem ich einfach im Publikum saß.
Musik, Bewegung, Bühne.
Für ein paar Stunden war ich nicht Patientin,
nicht Aktenzeichen,
nicht, „noch nicht belastbar“.
Ich war einfach da.
Und das hat gereicht.
Zwischen all dem Schweren, haben sich Gedanken neu sortiert.
Denn ein Buch fiel mir in die Hände,
getragen von Wissenschaft und Beziehung zugleich.
Es hat mein Bild erweitert und verschoben.
Manche gesellschaftlichen Vorstellungen
lassen sich danach nicht mehr aufrechterhalten.
Und das ist gut so.
Schicht für Schicht wurde ein Möbelstück bearbeitet.
Geduldig.
Ausdauernd.
Am Ende stand da etwas Altes,
das wieder gut aussah.
Zwischendurch meldete sich das Leben auf eigenwillige Weise zurück.
Unerwartete Besucher tauchten auf.
Fehl am Platz, flüchtig, beinahe absurd.
Gerade dadurch erinnerten sie mich daran,
dass nicht alles im Chaos bedrohlich ist.
Manches ist einfach da, um kurz innezuhalten.
Ich habe beobachtet, wie Entwicklung geschieht,
wenn Interesse ernst genommen wird.
Ein Ort voller Zahlen, Spiegel und Experimente
wurde erneut zum gemeinsamen Ziel.
Was vor einem Jahr noch rätselhaft war,
wurde nun selbstverständlich gelöst.
Nicht, weil jemand gedrängt hat.
Sondern, weil Neugier Raum bekam.
Ich bin dankbar für Begegnungen.
Für jede einzelne.
Denn gemeinsam mit einem anderen Menschen ist ein Raum entstanden, der trägt.
Regelmäßig.
Verbindlich.
Menschlich.
Struktur als Anker.
Austausch als Ressource.
Mir sind über einen digitalen Raum Menschen begegnet, die geblieben sind.
Und doch gibt nicht alles, was einem einmal Halt gegeben hat, dieses für immer.
Denn ich habe mich aus einem Raum gelöst,
der mir lange wichtig war
und irgendwann nicht mehr guttat.
Der Abschied war nicht nur ein Klick,
sondern ein Prozess,
der am Ende Erleichterung spüren lässt.
Manchmal ist Gehen kein Scheitern.
Sondern Selbstfürsorge.
Viele Tage bestanden aus Spielen.
Karten, Würfel, Lachen.
Zeit ohne Zweck.
Und genau deshalb von unbeschreiblichem Wert.
Genau wie die entstandenen kleinen Welten für meinen Sohn.
Wissen, das einlädt, statt belehrt.
Und dann war da plötzlich eine Tür, die sich zu einer Welt voller Erde, Vielfalt und Fülle öffnete.
Ein Garten, der mehr war als Anbaufläche.
Ich durfte ernten, probieren, verstehen.
Wochenlang war mein Alltag davon getragen.
Später durfte ich zurückkehren.
Diesmal nicht allein,
um zu sehen, wie Wissen, Staunen und Genuss weitergegeben wurden.
Dies war ein leiser, tiefer Moment von Verbundenheit.
Experimentiert wurde in meiner Küche.
Gemahlen.
Gemixt.
Probiert.
Farben.
Konsistenzen.
Erste Male.
Selbstgemachtes trägt mehr als Geschmack.
Es trägt Selbstwirksamkeit.
Es gab Tage, die nach Teig, Konzentration und Liebe rochen.
Und einen Moment reinen Glücks,
der alles aufwog.
Und dann kam die Zeit des Rückzugs.
Eine Umgebung außerhalb meines gewohnten Lebens,
die mir Raum gegeben hat, ohne etwas zu verlangen.
Dort wurde mir klar, wie tief meine Erschöpfung reichte;
nicht nur körperlich.
Erholung war kein Luxus.
Sie war Überlebensstrategie.
Und gleichzeitig wurde mein Zuhause zur Baustelle.
Unfreiwillig, laut, staubig.
Verantwortung landete bei mir, obwohl sie nicht meine war.
Am Ende blieb mehr als eine sanierte Oberfläche:
die Erfahrung, wie viel Kraft es kostet, Grenzen zu halten,
wenn andere sie ignorieren.
Zwischen all dem habe ich geschrieben.
Viel.
Beharrlich.
Worte als Ordnung.
Als Ventil.
Als Zeugnis.
Ich war da.
Ich habe gesprochen.
Und ich bin geblieben.
Doch am Ende dieses Jahres bin ich müde.
Nicht romantisch müde.
Nicht „ich brauche Urlaub“- müde.
Sondern die Art von Müdigkeit,
die entsteht, wenn man zu lange stark war.
Aber ich bin auch noch hier.
Ich habe nicht alles verstanden.
Nicht alles verarbeitet.
Nicht alles abgeschlossen.
Und das muss ich auch nicht.
Dieses Jahr war kein Kapitel.
Es war ein Fundament.
Unschön.
Rissig.
Unter Schmerzen gegossen.
Aber tragfähig.
2025 war kein gutes Jahr.
Doch es war ein ehrliches.
Und vielleicht ist genau das
der Anfang von etwas,
das leiser wird.
Und echter.






Hinterlasse einen Kommentar