Die meisten Menschen halten gesellschaftliche Normen für etwas Selbstverständliches.
Ein stilles Übereinkommen darüber, wie man sich zu verhalten, zu kommunizieren oder zu leben hat.
Diese Normen sind für neurotypische Menschen oft unsichtbar, weil sie sich intuitiv in ihnen bewegen.
Doch was passiert, wenn das eigene Gehirn nicht nach diesen impliziten Regeln arbeitet?
Für Menschen mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) sind gesellschaftliche Normen häufig nicht Orientierung.
Sondern Stolpersteine!
Nicht, weil sie sich bewusst dagegen stellen, sondern weil sie schlicht nicht in das Raster passen, das als „normal“ gilt.
Dieser Artikel soll erklären, warum das so ist und was das für neurodivergente Menschen bedeutet nicht als Anklage, sondern als Einladung, hinzusehen.
Was sind gesellschaftliche Normen und wer definiert sie?
Gesellschaftliche Normen sind unausgesprochene Regeln, die bestimmen, was „richtig“, „angemessen“ oder „erwünscht“ ist.
Sie betreffen:
- Kommunikationsverhalten
- Zeitempfinden
- Produktivität
- Sozialverhalten
- Körperkontrolle (z. B. still sitzen, ruhig sein)
- Selbstdisziplin
- „Erfolg“
Diese Normen entstehen nicht aus Naturgesetzen.
Sie sind kulturell gewachsen und oft unbewusst an das Funktionieren neurotypischer Menschen angepasst.
Menschen, die anders denken, fühlen oder reagieren, geraten dadurch unter Druck, sich ständig anpassen zu müssen, was psychische und sozialen Folgen mit sich bringt.
Warum ADHS nicht in diese Norm passt
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, bei der bestimmte Botenstoffe im Gehirn, vor allem Dopamin und Noradrenalin, anders reguliert werden, was unter anderem zu folgenden Symptomen führen kann:
- Schwierigkeiten bei der Reizfilterung
- verminderter Impulskontrolle
- Zeitblindheit
- emotionaler Reaktivität
- Problemen bei der sogenannten exekutiven Funktion (z. B. Planung, Aufgabenmanagement, Priorisierung)
Das bedeutet konkret:
Menschen mit ADHS leben in einer Welt, die für ein anderes Nervensystem gebaut ist!
Sie:
- kommen zu spät, obwohl sie sich angestrengt haben
- unterbrechen Gespräche, ohne es zu wollen
- verlieren den Faden, wenn sie nicht direkt dran sind
- wirken „chaotisch“, obwohl sie permanent versuchen, Ordnung zu schaffen
- brauchen Stimulation und können dabei nicht abschalten
- erscheinen distanziert oder „drüber“, obwohl sie emotional intensiv verbunden sind
Anpassung an gesellschaftliche Normen = Masking = Erschöpfung
Viele Menschen mit ADHS lernen früh, sich anzupassen, um „nicht negativ aufzufallen“.
Diese Anpassung nennt man „Masking“.
Masking bedeutet:
- mimetisches Verhalten („So tun als ob“)
- Emotionsregulation nach außen hin
- kompensieren durch Perfektionismus, Überanstrengung oder Rückzug
Doch Masking hat einen hohen Preis:
- Erschöpfung
- Burnout
- Identitätsverlust
- Depressionen
- Selbstabwertung
Besonders Frauen mit ADHS sind davon betroffen, weil sie zusätzlich mit gesellschaftlich normierten Rollenbildern („die fürsorgliche, organisierte, verlässliche Frau“) konfrontiert sind, die kaum Spielraum für neurodivergentes Verhalten lassen.
Gesellschaftliche Missverständnisse über ADHS
Viele neurotypische Menschen interpretieren ADHS-Verhalten falsch, z.B.

Das Problem liegt nicht im Verhalten, sondern im fehlenden Wissen!
Warum Inklusion mehr ist als Barrierefreiheit
Wenn wir über Inklusion sprechen, denken viele an bauliche Anpassungen oder Nachteilsausgleiche in der Schule.
Aber echte Inklusion bedeutet auch:
- das Akzeptieren anderer Denk- und Arbeitsweisen
- das Aushalten von emotionaler Tiefe und Impulsivität
- das Anerkennen, dass Lebensrealitäten nicht standardisiert sind
- das bewusste Hinterfragen der eigenen Normen
Inklusion beginnt dort, wo man aufhört, neurotypisches Verhalten als einzig richtiges Maß zu betrachten!
Was wir tun können: als Gesellschaft und als Einzelne
Für neurotypische Menschen:
- Informiere dich über ADHS: nicht über Klischees, sondern anhand von Fachquellen und Betroffenenstimmen
- Höre zu, ohne zu bewerten
- Vermeide „Tipps“, wenn kein Rat gefragt ist (Ratschläge sind auch Schläge)
- Übe dich in Geduld, auch wenn das Verhalten nicht deiner Logik folgt
- Reflektiere deine eigenen Erwartungshaltungen an „gutes Verhalten“
Für Systeme (Schule, Arbeit, Familie):
- Schaffe Flexibilität in Zeit und Struktur
- Erlaube Fehler: ohne moralische Aufladung
- Fördere offene Kommunikation über Bedürfnisse
- Biete Unterstützung statt Anpassungsdruck
Normal ist nicht neutral: ADHS braucht andere Rahmenbedingungen
ADHS ist nicht das Problem.
Das Problem ist eine Gesellschaft, die nur eine Form von Konzentration, Verhalten und Kommunikation als „richtig“ definiert.
Gesellschaftliche Normen sind nicht naturgegeben:
sie sind gestaltbar!
Von ADHS-freundlichen Umfeldern profitieren übrigens nicht nur Menschen mit ADHS.
Sondern auch stille, kreative, sensible, introvertierte oder erschöpfte Menschen, die sonst ebenfalls unter dem ständigen Druck leiden, „funktionieren“ zu müssen.
Inklusion beginnt im Kopf.
Und vielleicht ist es Zeit, unsere Definition von „normal“ zu überdenken.






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