Fort- und Weiterbildungen für Fachkräfte haben den Anspruch, komplexe Inhalte praxisnah zu vermitteln.
Doch gerade bei Themen wie ADHS, die sowohl in der medizinischen Forschung als auch im öffentlichen Diskurs immer wieder mit Vorurteilen belegt sind, kann eine unscharfe Darstellung gravierende Folgen haben.
Immer häufiger berichten Betroffene, dass sie von Psycholog:innen oder Therapeut:innen hören:
„ADHS kann auch durch Trauma ausgelöst werden.“
Was auf den ersten Blick nach einer differenzierten Betrachtung klingt, widerspricht in dieser Form jedoch der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage.
Noch problematischer wird es jedoch, wenn solche verkürzten Aussagen in multiprofessionellen Settings, zum Beispiel in Ergotherapie- oder Logopädie-Teams, als vermeintliche Tatsache weitergetragen und in der Praxis angewendet werden.
Denn dort entscheidet dieses Wissen unmittelbar darüber, wie Menschen mit ADHS wahrgenommen, begleitet und behandelt werden.
ADHS ist neurobiologisch-genetisch, nicht traumatisch verursacht
ADHS gilt in der internationalen Forschung und Diagnostik (DSM-5, ICD-11) als neurobiologische Entwicklungsstörung,
die bereits im Kindesalter manifest wird.
Genetik
Die Heritabilität liegt zwischen 70 und 80 Prozent. Studien an Zwillingen und Familien zeigen deutlich, dass ADHS hochgradig genetisch bedingt ist.
Neurobiologie
Bildgebende Verfahren weisen Unterschiede in den Netzwerken nach, die Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen und Impulskontrolle steuern (präfrontaler Cortex, Basalganglien, Kleinhirn).
Auch Dysbalancen in den Neurotransmittern Dopamin und Noradrenalin sind gut belegt.
Verlauf
ADHS – Symptome zeigen sich typischerweise bereits in der frühen Kindheit und bestehen, wenn auch in variierender Ausprägung, über die Lebensspanne hinweg fort.
Trauma hingegen ist ein psychosoziales Ereignis, das bei Menschen unabhängig von genetischen Dispositionen auftreten kann.
Es verändert die Stressverarbeitung und führt zu einer dauerhaften Überaktivierung des Nervensystems, welche sich durch erhöhte Anspannung, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit und eine ständige Alarmbereitschaft äußert sowie Dissoziationen und / oder Konzentrationsproblemen.
Diese Überschneidungen mit ADHS-Symptomen sind real, erklären aber nicht den Ursprung von ADHS.
Eine Aussage wie „Trauma löst ADHS aus“ verkennt diesen Unterschied zwischen Kausalität (Ursache) und Korrelation (Überschneidung, gegenseitige Verstärkung).
Wie es zu Verwechslungen kommt: Symptomähnlichkeiten und Überschneidungen
Dass Trauma und ADHS häufig in einem Atemzug genannt werden, hat Gründe:
Symptomüberlappung
- Schlafprobleme,
- Konzentrationsstörungen,
- emotionale Dysregulation und
- Impulsivität.
Komorbidität
Menschen mit ADHS sind aufgrund häufiger Ablehnung, Misserfolge und sozialer Ausgrenzung deutlich anfälliger für sekundäre Traumatisierungen.
Gleichzeitig fällt es Menschen mit Trauma schwer, ihre Symptome von ADHS abzugrenzen.
Diagnostische Unsicherheiten
In der Praxis werden die Ursachen oft nicht differenziert betrachtet, da Ressourcen, Zeit und interdisziplinäres Wissen fehlen.
Das Ergebnis ist eine unsaubere Gleichsetzung: „Wenn es ähnlich aussieht, ist es wohl dasselbe.“
Das Problem ist:
Diese Vereinfachung ignoriert die unterschiedlichen Mechanismen und damit die spezifischen Unterstützungsbedarfe.
Die Folgen fehlerhafter Fortbildungsinhalte
Wenn Psycholog:innen in Fort- oder Weiterbildungen die These vertreten, ADHS könne durch Trauma „ausgelöst“ werden, wirkt diese Aussage in mehrere Richtungen:
Fachkräfte übernehmen verkürztes Wissen
Ergotherapeut:innen, Pädagog:innen oder Sozialarbeiter:innen hören diese Botschaft und nehmen sie als fachlich legitimiert an, jedoch ohne die Möglichkeit, sie kritisch einzuordnen.
Verzerrte Wahrnehmung von Betroffenen
Menschen mit ADHS werden nicht mehr als Personen mit einer neurobiologischen Disposition gesehen,
sondern als „Opfer eines Traumas“.
Das reduziert sie auf ihre Umwelt und negiert ihre genetische Realität.
Fehlgeleitete Interventionen
Statt spezifischer ADHS-Interventionen (z. B. Strukturhilfen, medikamentöse Unterstützung, Exekutivfunktionstraining) wird einseitig traumapädagogisch gearbeitet.
Das kann hilfreich sein, wenn Trauma tatsächlich vorliegt, aber unzureichend, wenn ADHS die Kernproblematik ist.
Schuldzuschreibungen
Eltern werden implizit als „Mitverursacher:innen“ verdächtigt, da das Umfeld angeblich die zentrale Ursache ist.
Dies verstärkt jedoch Stigmatisierung und Schuldgefühle, die Familien ohnehin belasten.
Verzögerte Diagnosen
Betroffene müssen länger auf eine adäquate ADHS-Diagnose warten, weil die Symptome als traumaindiziert eingeordnet werden.
Was passiert, wenn Ergotherapeut:innen mit dieser Information arbeiten?
Ergotherapeut:innen spielen eine Schlüsselrolle in der Begleitung von Menschen mit ADHS, da sie Alltagskompetenzen fördern und Strukturen schaffen.
Wenn jedoch das fachliche Fundament verzerrt ist, hat das unmittelbare Konsequenzen:
Fehleinschätzung von Alltagsproblemen
Statt die Schwierigkeiten in Organisation, Planung und Selbststeuerung als ADHS-typisch zu verstehen, werden sie als „Folge eines nicht aufgearbeiteten Traumas“ interpretiert.
Falsche Therapieziele
Anstelle von handlungsorientierten, alltagsnahen Interventionen (z. B. Kalenderführung, Routinen, Hilfsmittel) werden „heilende Gespräche“ oder rein ressourcenorientierte Angebote gestellt, die das Kernproblem nicht adressieren.
Gefährdung des Vertrauens
Betroffene, die ihre ADHS-Identität bereits kennen, fühlen sich nicht ernst genommen, wenn ihre Lebensrealität infrage gestellt wird.
Dies kann die therapeutische Beziehung belasten.
Überforderung der Fachkräfte
Ergotherapeut:innen sind keine Traumatherapeut:innen.
Wenn sie Trauma als Hauptursache interpretieren, nehmen sie Aufgaben an sich, die nicht zu ihrem Berufsbild passen.
Damit entsteht ein Kreislauf:
Betroffene fühlen sich unverstanden, Fachkräfte sind überfordert, und die eigentliche Versorgungslücke bleibt bestehen.
Ein Plädoyer für fachliche Präzision und interdisziplinäre Verantwortung
Die Verantwortung liegt klar bei den Referent:innen solcher Fortbildungen:
Sie müssen differenziert darstellen, dass ADHS genetisch – neurobiologisch verankert ist und Trauma kein Auslöser, sondern höchstens ein Verstärker oder „Imitator“ von Symptomen sein kann.
Gleichzeitig sollten sie auf die hohe Komorbidität hinweisen, denn die Realität ist, dass ADHS – Betroffene überdurchschnittlich häufig traumatisiert sind.
Aber aus diesem Nebeneinander eine kausale Gleichung zu machen, ist wissenschaftlich falsch und praktisch gefährlich.
Für Ergotherapeut:innen und andere nicht – ärztliche Fachkräfte bedeutet das:
- Sie brauchen gesicherte, verständliche Informationen, die sie in ihrer Praxis anwenden können.
- Sie brauchen die Kompetenz, zwischen ADHS und Trauma zu unterscheiden, ohne die eine Realität gegen die andere auszuspielen.
- Sie brauchen klare Absprachen im interdisziplinären Team, um sicherzustellen, dass Betroffene die richtige Unterstützung erhalten.
Denn wenn Fortbildungen falsche Botschaften vermitteln, dann vervielfältigt sich dieser Fehler in der Praxis;
zum Nachteil der Menschen, um die es eigentlich gehen sollte.
Präzision ist kein Luxus, sondern Pflicht
ADHS ist keine Folge von Trauma.
Trauma ist keine genetische Entwicklungsstörung.
Beides begegnet sich oft, beides verstärkt sich gegenseitig, aber es darf nicht verwechselt werden.
Wenn Fachkräfte in Fortbildungen unpräzise oder falsche Informationen weitergeben, dann trägt dieses Wissen in die Praxis, wo es unmittelbare Folgen hat:
für Diagnostik,
für Behandlung,
für Vertrauen.
Deshalb ist es nicht nur ein wissenschaftlicher Anspruch, sondern eine ethische Verantwortung, sauber zu unterscheiden.
Nur so können Betroffene sicher sein, dass sie gesehen und verstanden werden.
Nicht durch das Prisma von Halbwahrheiten, sondern durch die Klarheit der Realität.






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