Der Impuls der heutigen Blognacht lautet „Nicht schon wieder“.
Ein Satz, der nach Erschöpfung klingt, nach Augenrollen, nach dem Gefühl, immer wieder dieselbe Schleife zu drehen.
Ein Satz, der entlarvend ehrlich ist und gleichzeitig Verletzlichkeit sichtbar macht.
Und weil dieser Satz so oft in Köpfen und Körpern von Menschen auftaucht, die in einer dauerhaft überreizten, normgetriebenen Gesellschaft funktionieren sollen, widme ich diesen Blogartikel genau ihnen:
den Momenten, in denen man spürt, dass man wieder am selben Punkt steht, obwohl man so hart versucht hat, ihn zu vermeiden.
Den Momenten, die keine Krankheit definieren.
Aber eine Lebensrealität.
„Nicht schon wieder“: wenn die Welt schneller ist als man selbst
Es gibt Tage, da ist die Welt einfach zu schnell.
Nicht weil man trödelt, nicht weil man unorganisiert ist, nicht weil man „übertreibt“, sondern weil das Tempo, das alle „normal“ nennen, nicht zu dem passt, was innen passiert.
Und dann kommen sie wieder, diese Situationen, die man kennt wie die Rückseite der eigenen Hand:
der Moment, in dem man etwas verlegt.
Der Moment, in dem man einen Termin verwechselt.
Der Moment, in dem eine Kleinigkeit kippt und der ganze Tag mit ihm.
„Nicht schon wieder.“
Der Gedanke kommt automatisch, fast reflektorisch.
Weil Wiederholung keine Langeweile ist.
Sie ist Erschöpfung.
Sie ist das Gefühl, gegen Muster anzukämpfen, die andere nicht einmal sehen.
Und genau das macht es so schwer:
für Außenstehende ist es „nur eine Kleinigkeit“.
Für die Betroffenen ist es der x-te Beweis, dass sie wieder einmal über ihre eigenen Grenzen gestolpert sind.
„Nicht schon wieder“: wenn Erwartungen lauter sind als Bedürfnisse
Gesellschaftliche Normen wirken wie unsichtbare Linien, die man zuzuziehen versucht, obwohl sie ständig verrutschen.
Man soll spontan sein, aber zuverlässig.
Flexibel, aber strukturiert.
Emotional, aber bitte nicht zu viel.
Ehrlich, aber nicht ehrlich genug, um jemanden zu irritieren.
Immer passend, nie störend.
Und egal, wie oft man versucht, diese Erwartungen zu erfüllen:
irgendwann rutscht man aus ihnen heraus.
Weil innere Prozesse anders funktionieren.
Weil der Körper nicht nach Uhrzeit arbeitet.
Weil das Nervensystem nicht unterscheidet zwischen „wichtig“ und „unangenehm“.
Und dann steht man wieder an diesem Punkt:
„Nicht schon wieder.“
Schon wieder zu viel geredet.
Schon wieder zu spät gemerkt, wie erschöpft man ist.
Schon wieder versucht, eine Norm zu erfüllen, die nie für einen selbst gedacht war.
Das ist kein persönliches Scheitern.
Das ist ein strukturelles Missverständnis:
ein System, das Vielfalt fordert.
Aber Uniformität belohnt.
„Nicht schon wieder“: wenn das Gehirn ein Feuerwerk ist, aber die Welt Stille verlangt
Es gibt Menschen, deren Innenleben so intensiv ist, dass selbst Stille laut werden kann.
Menschen, deren Gedanken Funken schlagen, während sie versuchen, sich auf einen einzigen Reiz zu konzentrieren.
Menschen, die mit Leidenschaft eintauchen.
Und mit derselben Intensität überfordert sein können.
Von außen wirkt es wechselhaft.
Von innen fühlt es sich an wie ein Feuerwerk, das niemand sieht.
Und genau dort entsteht der Satz, der mehr über Menschlichkeit erzählt als jede Diagnose:
„Nicht schon wieder.“
Weil wieder ein Gedanke zu schnell war.
Weil wieder eine Emotion zu stark war.
Weil wieder etwas brannte, das niemand außer ihnen wahrnahm.
Und dieses Innenleben ist weder Schwäche noch Ausrede.
Es ist Realität.
Eine neurobiologisch gut belegte, gesellschaftlich schlecht verstandene.
„Nicht schon wieder“: wenn Trauma im Alltag mitspricht
Menschen mit chronischer Überreizung, mit einem hypersensiblen Nervensystem oder mit früheren Verletzungen leben in einem Körper, der schneller reagiert, als der Verstand rationalisieren kann.
Nicht, weil sie „überempfindlich“ sind.
Sondern weil das Nervensystem gelernt hat, wach zu bleiben.
Wachsamkeit ist keine Entscheidung.
Sie ist eine Prägung.
Und wenn dann im Alltag ein bestimmter Ton, ein bestimmter Blick, eine bestimmte Situation aufploppt, meldet sich der Körper schneller als die Logik.
Dann reagiert man „über“, obwohl man eigentlich „unter“ reagiert im Vergleich zu dem, was innen passiert.
„Nicht schon wieder.“
Nicht schon wieder diese Spirale.
Nicht schon wieder dieser Stachel.
Nicht schon wieder diese Erinnerung, die keine Worte hat.
Und weil Trauma und neurodivergentes Erleben sich so oft überschneiden, verstärken sie sich gegenseitig wie zwei Spiegel, die sich anblicken.
Nicht, weil eins das andere verursacht.
Sondern, weil beides im selben Körper existiert.
„Nicht schon wieder“: wenn Missverständnisse lauter sind als Fakten
Es ist erstaunlich, wie viele Missverständnisse über psychische und neurodivergente Realitäten existieren.
Wie schnell Menschen erklären wollen, statt zuzuhören.
Wie oft sie psychologische Halbwahrheiten mit Wahrheit verwechseln.
„Nicht schon wieder“ ist auch der Satz, der fällt, wenn man sich zum tausendsten Mal gegen Mythen verteidigen muss:
dass man sich „mehr anstrengen“ müsse.
Dass alles „eine Frage der Einstellung“ sei.
Dass man „doch gar nicht so wirkt“.
Er ist der Satz, der fällt, wenn Fachleute falsche Zusammenhänge behaupten und daraus Konsequenzen für Betroffene entstehen.
Wenn Menschen mit neurodivergentem Erleben in Therapie- oder Beratungsräumen sitzen und nicht ernst genommen werden, weil andere glauben, sie wüssten besser, wie ihr Inneres funktioniert.
„Nicht schon wieder“ ist nicht Resignation.
Es ist die Bitte, gesehen zu werden.
Ohne Entwertung.
Ohne Erklärung über den Kopf hinweg.
Ohne Pathologisierung von etwas, das nie pathologisch war.
Sondern menschlich.
„Nicht schon wieder“: wenn Mut und Müdigkeit gleichzeitig existieren
Wer täglich gegen Unsichtbares ankämpft, trägt eine Form von Mut in sich, die die Welt selten erkennt.
Und genau dieser Mut erschöpft.
Es ist anstrengend, immer wieder das zu erklären, was andere intuitiv fühlen.
Es ist erschöpfend, immer wieder aufzustehen, obwohl man innerlich stolpert.
Es ist kräftezehrend, immer wieder neue Strategien zu entwickeln, weil alte nicht passen.
Aber jeder dieser Momente zeigt auch etwas anderes:
die Stärke, weiterzugehen.
Die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren.
Die Hartnäckigkeit, die Welt trotz allem zu gestalten.
„Nicht schon wieder“ gehört zu diesem Weg.
Nicht als Niederlage.
Sondern als ehrlicher Begleiter.
Der zeigt:
ich kämpfe.
Ich fühle.
Ich bin hier.
„Nicht schon wieder“ und trotzdem weiter
Dieser Satz ist kein Zeichen von Schwäche.
Er ist der leise Untertitel einer Realität, die viele nicht kennen, aber viele leben.
Er ist ein Zeichen dafür, dass Wiederholung nicht nur nervt, sondern Kraft kostet.
Und dass dieser Alltag, so unsichtbar er für andere sein mag, eine Form von Durchhaltevermögen erfordert, die man selten würdigt.
Und genau deshalb gehört dieser Satz gesprochen.
Gehört.
Und verstanden.
Vielleicht entsteht daraus irgendwann ein anderer Satz.
Einer, der weniger erschöpft klingt.
Einer, der mehr trägt, als er drückt.
Aber bis dahin gilt:
„Nicht schon wieder“ ist ein vollkommen legitimer Anfang.
Für Wahrheit.
Für Sichtbarkeit.
Für Menschlichkeit.






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