„Kannst du nicht einfach mal still sitzen?“
„Warum bist du so zappelig?“
„Du brauchst einfach mal Ruhe.“

Für neurotypische Menschen mag es rätselhaft wirken, warum manche Menschen ständig aufstehen, mit dem Fuß wippen, in Gedanken abschweifen oder nach kurzer Zeit innerlich unruhig werden, ganz ohne offensichtlichen Stress.

Für viele Menschen mit ADHS ist das jedoch Alltag.
Ständige innere Bewegung:
körperlich, gedanklich, emotional.
Nicht freiwillig.
Nicht als schlechte Angewohnheit.
Sondern als neurologische Realität.

In diesem Artikel geht es darum, was hinter der scheinbaren „Ruhelosigkeit“ bei ADHS steckt und warum sie mehr Verständnis als Belehrung braucht.

Was bedeutet „ständig in Bewegung“ bei ADHS?

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) betrifft nicht nur Kinder.
Und erst recht nicht nur das „wilde Verhalten“.
Die Hyperaktivität bei Erwachsenen, insbesondere bei Frauen, zeigt sich oft im Inneren und unsichtbar durch:

  • ständiges Bewegen der Beine, Finger, Haare
  • körperliches Aufstehen oder Umherlaufen, ohne es bewusst zu wollen
  • einen inneren Drang nach Handlung oder Reiz
  • Gedanken, die springen; auch während Gesprächen oder Tätigkeiten
  • emotionale Impulse, die schwer zu regulieren sind

Diese ständige Bewegung ist keine Show.
Sondern eine Reaktion auf einen neurobiologisch unter stimulierten Zustand.

Warum braucht das ADHS – Gehirn Bewegung?

ADHS geht u. a. mit einer Dysregulation des Dopaminsystems einher.
Dieses bedeutet, dass

  • es schwer ist, die Konzentration, bei nicht interessengeleiteten Aufgaben, aufrechtzuerhalten
  • die Reize weniger gefiltert werden
  • und das Gehirn ständig auf der Suche nach „Input“ ist, um im Gleichgewicht zu bleiben

Bewegung, ob diese körperlich oder geistig ist, hilft dabei:
✅ Dopamin auszuschütten
✅ Spannung zu regulieren
✅ Wachheit zu erzeugen
✅ Überforderung abzubauen

Es ist somit eine Selbstregulationsstrategie.
Und kein Ausdruck von Respektlosigkeit oder Ungeduld.

Frauen mit ADHS: die oft übersehene Unruhe

Viele Frauen mit ADHS haben gelernt, ihre körperliche Unruhe zu „maskieren“.
Statt laut oder auffällig zu sein, zeigen sie:

  • ständiges „Multitasking“
  • emotionale Anspannung
  • Überdrehtheit in sozialen Situationen
  • Rückzug oder Zusammenbruch, wenn es zu viel wird

Das führt oft zu falschen Diagnosen (z. B. Depression, Angststörung) und dazu, dass ihre „Unruhe“ als Charakterschwäche gesehen wird.
Doch sie ist neurologisch bedingt und braucht Verständnis.
Jedoch keine Disziplinierung.

Wie wirkt sich „ständig in Bewegung“ im Alltag aus?

Diese Dauerbewegung betrifft nicht nur den Körper, sondern auch:

  • Beziehungen: Reizbarkeit, Unterbrechungen, ständiges „Weiterspringen“
  • Arbeit: Konzentrationsprobleme, Impulsverhalten, Aufgabenwechsel
  • Selbstbild: Scham, Überanpassung, ständiger Druck zur Selbstregulierung

Viele ADHS – Betroffene leben in permanenter Erschöpfung, weil sie versuchen, die innere Unruhe zu kontrollieren, um dabei gleichzeitig „normal“ zu erscheinen.

Was sollten neurotypische Menschen wissen?

Wenn du jemanden kennst, der nie still sitzt, der mitten im Gespräch abschweift oder ständig neue Impulse hat, dann frag nicht:
„Kannst du nicht einfach mal runterkommen?“

Sondern:
„Wie fühlt sich das gerade für dich an?“
Oder:
„Was hilft dir, bei dir zu bleiben?“

Denn oft braucht es nicht mehr als das:
Verständnis statt Bewertung.

Bewegung ist kein Störfaktor: sie ist oft der Versuch, im Gleichgewicht zu bleiben

Mit ADHS zu leben heißt oft, innerlich ständig auf Empfang zu sein.
Bewegung ist eine Form von Überleben, nicht von Aufmerksamkeitsmangel.

Es ist keine Ausrede.
Keine Mode.
Kein Verhalten, das man sich „abtrainieren“ kann.
Es ist neurologische Realität.
Welche Begleitung und keine Belehrung verdient.


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2 Antworten zu „Mit ADHS ständig in Bewegung: wenn innere Unruhe zur täglichen Begleiterin wird“

  1. Liebe Sarah,
    leider kann ich dir deine Frage nicht konkret, so wie du es dir wünscht, beantworten.
    Denn ADHS bedeutet nicht nur, dass es unsichtbar und nicht linear ist, sondern auch ein „es-kommt-darauf-an“.

    Es kommt darauf an,
    – wie ich die Tage vorher erlebt habe.
    – wie ich geschlafen habe.
    – wie viel Energie ich für den ganzen Tag habe.
    – wie viel Energie ich vor dem Gespräch / der Aufgabe habe.
    – welchen Grund das Gespräch / die Aufgabe hat.
    – ob ich das Gespräch / die Aufgabe interessant finde.
    – in welchem Raum das Gespräch/ die Aufgabe stattfindet.
    – wer noch im Raum ist.
    – welche Gerüche in der Umgebung sind.
    – welche Töne ich höre.
    – ob es spontan stattfindet oder ich mich vorbereiten konnte.
    – wie die Lichtverhältnisse während dessen sind.
    – wie ich mich an dem Tag fühle.
    – ob ich reiz überflutet in das Gespräch/ an die Aufgabe gehe.
    – ob ich so sein kann wie ich bin oder maskieren muss.
    – was von mir erwartet wird.

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  2. Interessant! Und was, würdest du sagen, hilft dir konkret, um in solchen Situationen doch zur Ruhe zu kommen und dich z.B. auf ein Gespräch oder eine Aufgabe längere Zeit konzentrieren zu können?
    Das zu erfahren fände ich sehr interessant und auch hilfreich!
    Herzlichen Gruß
    Sarah

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