„Teilen wirkt“, so lautet der Impuls der heutigen Blognacht von Anna.

Und während ich diese Worte lese, merke ich, wie viel Wahrheit darin liegt.
Teilen ist für viele Menschen selbstverständlich: einen Kuchen, eine Umarmung, eine Erinnerung.
Für mich, mit ADHS, bedeutet Teilen jedoch mehr.
Es ist kein beiläufiger Akt, sondern ein tiefer Schritt nach außen.
Ein Brückenschlag, der gleichzeitig Mut kostet und Freiheit schenkt.

Teilen ist ein Wagnis

Teilen ist nie neutral.

Wer von ADHS erzählt, teilt nicht nur Fakten, sondern gibt auch Einblick in innere Kämpfe.
Es bedeutet, sich verletzlich zu zeigen, das eigene Chaos nicht mehr nur im Kopf zu halten, sondern auf den Tisch zu legen; neben all die ordentlichen Papiere der anderen.
Es bedeutet, ein Risiko einzugehen:
missverstanden zu werden,
belächelt zu werden
oder als „zu empfindlich“ abgestempelt.

Und trotzdem wirkt Teilen.
Weil es Türen öffnet, wo vorher nur Mauern standen.

Teilen schafft Resonanz

So oft habe ich meine Erfahrungen geteilt und Antworten bekommen wie:
„Genau so geht es mir auch und ich dachte, ich bin allein damit.“

Dieses „Ich auch“ ist keine Kleinigkeit.

Es ist ein Moment der Entlastung, ein Atemzug, in dem sich Isolation auflöst.
Denn was von innen wie persönliches Scheitern aussieht, ist in Wahrheit eine geteilte Erfahrung.
Teilen macht sichtbar, dass wir nicht defekt sind:
sondern verbunden.

Teilen wirkt gegen Scham

Scham wächst im Verborgenen.
Sie nährt sich von Schweigen und Maskieren.

ADHS bedeutet oft, anders zu ticken, anders zu fühlen, anders zu handeln.
Und genau dieses Anderssein zu verbergen, um „normal“ zu wirken.

Jede geteilte Geschichte,
jeder offene Satz,
jedes kleine „Ich bin so“
ist ein Schlaglicht gegen die Dunkelheit der Scham.

Nicht,
weil die Schwierigkeiten dadurch verschwinden,
sondern weil sie in einem anderen Licht stehen:
dem Licht von Verständnis und Menschlichkeit.

Teilen verändert Beziehungen

Wenn ich offen teile, was mich innerlich bewegt:
dass Stille für mich manchmal wie Lautstärke wirkt,
dass ein kleiner Termin mich in Panik versetzen kann,
dass Langeweile schmerzt,
dann verändert das die Dynamik mit anderen.

Manche wenden sich ab, weil sie das nicht aushalten.
Aber andere bleiben.

Und diese anderen sind die,
die mich nicht für mein Funktionieren lieben,
sondern für mein Sein.

Teilen filtert Beziehungen.
Und ja, das ist schmerzhaft.
Aber auch heilsam.

Teilen ist keine Schwäche, sondern Stärke

In einer Gesellschaft, die Autonomie, Selbstkontrolle und Effizienz feiert, wirkt es schwach, von innerem Chaos oder Überforderung zu erzählen.
Doch in Wahrheit braucht es unendlich viel Kraft, mit den eigenen Brüchen sichtbar zu werden.
Teilen ist ein Akt der Stärke.
Es zeigt:
Ich schäme mich nicht mehr für mein Menschsein.
Ich mache mich nicht kleiner, um in deine Norm zu passen.

Teilen wirkt gesellschaftlich

ADHS ist kein individuelles Problem.
Es ist ein Teil von Vielfalt.
Neurodivergenter Vielfalt, die unsere Gesellschaft reicher macht.

Doch solange diese Vielfalt im Schweigen verschwindet, bleibt sie unsichtbar.
Indem wir teilen, erweitern wir jedoch die Landkarte dessen, was als „normal“ gilt.
Wir zeigen:
das hier gehört auch zur Realität.

Teilen ist nicht nur persönlich befreiend.
Es ist ein politischer Akt.

Teilen wirkt nachhaltig

Jeder Artikel, jeder Post, jedes Gespräch hinterlässt Spuren.
Vielleicht nicht sofort sichtbar.
Vielleicht nicht bei allen.

Aber irgendwann stößt jemand zufällig auf einen Text, in dem er oder sie sich zum ersten Mal erkannt fühlt.
Vielleicht rettet genau das einen Abend, einen Tag, eine Entscheidung.
Teilen wirkt leise, aber nachhaltig.
Wie Wasser, das Stein formt.

Teilen bedeutet Hoffnung

Am Ende bleibt:
ich teile, weil ich hoffe.

Ich hoffe, dass jemand erkennt, dass er nicht allein ist.
Ich hoffe, dass jemand Verständnis entwickelt, wo bisher nur Vorurteil war.
Ich hoffe, dass meine Worte wirken.
Nicht perfekt,
nicht glatt,
nicht ideal,
sondern menschlich.
Und in dieser Hoffnung liegt etwas Außergewöhnliches:
ein kleines, leuchtendes „Trotzdem“.

Teilen als Einladung

Teilen wirkt:
Es wirkt in mir, weil es mich aus der Scham in die Sichtbarkeit führt.
Es wirkt in dir, weil es dir zeigt, dass du nicht allein bist.
Und es wirkt in uns, weil es die Welt ein Stück weit menschlicher macht.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Kraft von ADHS und Teilen:
Es zwingt uns, ehrlich zu sein.
Und Ehrlichkeit ist die Brücke, die wir alle brauchen.


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5 Antworten zu „ADHS und Teilen wirkt – Worte als Brücke in die Welt“

  1. […] Maria Klitz schreibt in ihrem Blog neben erzieherischen Themen auch sehr klar und offen über ihren Alltag mit ADHS. Sie findet im Teilen einen fast radikalen Akt und das möchte ich gern doppelt und dreifach unterstreichen: ADHS und Teilen wirkt – Worte als Brücke in die Welt […]

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  2. Liebe Anna,
    deine Worte bedeuten mir so unendlich viel.

    Sie berühren mich ganz tief in meinem Herzen

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  3. oh ja,
    so erging es mir auch.

    Nur über die Artikel anderer bin auch ich auf meine Neurodivergenz aufmerksam geworden.
    Spannend, dass das Ärzte jahrelang nicht bemerkt haben

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  4. Liebe Maria,
    danke für diesen klugen Text. Ich glaube ja, es braucht Verständnis und Interesse von allen Seiten, daher sollten wir alle wichtige Erkenntnisse und Herausforderungen und Erfahrungen miteinander teilen. Ich glaube wirklich, dass dadurch die Welt ein bisschen besser wird, denn wenn Empathie geweckt werden kann, dann doch wohl über Geschichten und das ernsthafte Bemühen, sich (mitzu)teilen. Übrigens: Toll, dass du diesen Fokus so konsequent hier setzt. Ich glaube, dass hier in deinem Bloggen eine große Chance steckt – auf Verstehen, auf Gemeinsamkeiten, auf Empathie.

    Liebe Grüße
    Anna

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  5. Danke, dass Du dies teilst! Ich habe bisher nur gute Erfahrungen damit gemacht, über meine eigene Neurodivergenz zu bloggen. Interessanterweise funktioniert das aber nicht beim offline Teilen… Umso wichtiger, dass wir darüber schreiben! Eigentlich bin ich auf dem Weg überhaupt erst darauf gekommen, was mit mir los ist. Teilen wirkt also nicht nur für die anderen, sondern auch einem selbst.

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