„Außergewöhnlich“ ist der Impuls in der heutigen Blognacht von Anna und gleichzeitig mein 505. Blogartikel.

„Du bist außergewöhnlich.“
Ein Satz, der wie ein Kompliment klingt.
Ein Satz, der glitzert.
Wenn er im richtigen Moment kommt.
Ein Satz, der schneidet. 
Wenn er bedeutet: „Du bist anders, aber bitte nicht so laut.“

Wer mit ADHS lebt, kennt diesen Spagat.
Zwischen Begeisterung und Überforderung.
Zwischen kreativer Explosion und tiefer Erschöpfung.
Zwischen dem Wunsch, echt zu sein und der ständigen Sorge, zu viel zu wirken.

Dieser Artikel ist kein Plädoyer für Superkräfte.
Er ist eine Einladung, außergewöhnlich neu zu denken: ehrlich, verletzlich, würdigend.
Denn was als Stärke gefeiert wird, fühlt sich im Alltag oft wie eine nicht aufhörende Spannung an.
Nicht außergewöhnlich im Sinne von bewundernswert, sondern im Sinne von: ständig am Rand von allem.

Außergewöhnlich und trotzdem müde

Es gibt diese Tage, an denen das eigene Denken wie ein Feuerwerk ist:
Ideen explodieren, die Welt ist voller Möglichkeiten.
Man ist schnell, wach, verbunden.
Und ja, vielleicht sogar strahlend.

Aber niemand sieht, wie viel Energie es kostet, diesen Zustand zu regulieren.
Wie sehr die Außenwelt fordert, dass dieses Feuerwerk auf Knopfdruck wieder erlischt.
Wie erschöpfend es ist, in einer Welt zu funktionieren, die für lineare Verläufe gebaut ist.
Nicht jedoch für Hirne, die springen, flackern, tanzen.

Außergewöhnlich?
Vielleicht.
Aber auch: grenzwertig müde vom Dauerbrennen!

Du bist inspirierend, solange du nicht störst

Menschen mit ADHS hören oft:
„Du denkst so anders.
Das ist spannend!“

Aber nur, solange dieses Denken keine Abläufe durcheinander bringt.
Solange es sich in den Plan einfügt.
Solange es nützlich bleibt.

Sobald Reizoffenheit zur Überforderung wird, wird aus außergewöhnlich plötzlich anstrengend.
Sobald du Fragen stellst, die Systeme infrage stellen, wirst du unbequem.
Und wenn du Pausen brauchst, bevor du zusammenbrichst, heißt es:
„Du musst halt lernen, dich anzupassen.“

Wer außergewöhnlich ist, darf es oft nur dann sein, wenn es nicht zu viel Raum einnimmt.
Diese stille Bedingung begleitet viele neurodivergente Menschen wie ein Schatten.

Das Innenleben: kein Ort für Glanz

Wenn wir ehrlich sind, ist das Außergewöhnliche nicht immer schön.
Es bedeutet auch:
Gedanken, die sich nicht stoppen lassen.
Emotionen, die plötzlich laut werden.
Ein Nervensystem, das wie ein offener Draht ist:
ständig auf Empfang.

Niemand sieht den inneren Widerstand, wenn du zehnmal denselben Termin vergessen hast.
Niemand applaudiert dafür, dass du heute NICHT explodiert bist.
Und niemand ruft: „Wie außergewöhnlich!“, wenn du zum dritten Mal dieselbe Schublade sortierst, weil dein Gehirn sich sonst verliert.

Das Außergewöhnliche lebt nicht im Rampenlicht.
Es lebt in den Schatten zwischen Funktion und Fühlen.

Außergewöhnlich als Selbstbild und als Last

Viele ADHS – Betroffene internalisieren früh, dass sie „anders“ sind.
Manche tragen dieses Anderssein stolz wie ein Abzeichen.
Andere verbergen es ein Leben lang.

Aber beide Varianten haben einen Preis.
Denn auch das Etikett „außergewöhnlich“ erzeugt Druck.
Plötzlich musst du besonders sein, kreativ sein, aus der Reihe tanzen.
Selbst, wenn du einfach nur durch den Tag kommen willst.

Zwischen Stigma und Euphemismus verliert sich oft, was eigentlich zählt:
Dass du sein darfst.
Ohne Glanz.
Ohne Drama.
Ohne Rechtfertigung.

Und was, wenn außergewöhnlich einfach echt bedeutet?

Vielleicht ist es Zeit, außergewöhnlich umzudeuten.
Nicht als Kompliment, das gleichzeitig ein „Bitte sei nicht so“ bedeutet.
Sondern als Einladung, alle Facetten zu sehen.
Auch die leisen, unordentlichen, müden.

Denn das Außergewöhnliche liegt nicht in deiner Produktivität.
Nicht in deiner Kreativität.
Sondern darin, dass du trotz all der inneren und äußeren Reibung jeden Tag wieder aufstehst.
Wieder denkst.
Wieder fühlst.
Wieder du bist.

Und das ist alles.
Nur nicht gewöhnlich.

In Beziehungen: zwischen Nähe und Rückzug

Menschen mit ADHS erleben Beziehungen oft intensiv.
Aber nicht immer einfach.
Sie sehnen sich nach Verbindung, können aber durch emotionale Überforderung Rückzug brauchen.
Das wird oft missverstanden:
als Desinteresse,
als Unzuverlässigkeit,
als emotionale Unreife.

Tatsächlich ist es oft das Gegenteil:
Die innere Reizflut,
die ununterbrochene Wachheit für Zwischentöne, Körpersignale, Worte, Blicke.
Sie können überwältigen.

Und so wird das, was eigentlich Nähe sucht, zu einer Wand aus Rückzug.
Nicht, weil keine Verbindung gewünscht ist.
Sondern weil sie zu schnell, zu laut, zu viel wird.
Auch das gehört zum Außergewöhnlichen:
zu fühlen, was andere nicht mal bemerken.
Und sich selbst dabei nicht zu verlieren.

Im Beruf: zwischen kreativen Höhenflügen und unsichtbarem Stress

Viele ADHS – Betroffene sind beruflich auffällig unauffällig.
Sie leisten viel, denken schnell, erfassen Zusammenhänge.
Und sind gleichzeitig innerlich im ständigen Selbstmanagement – Modus.
Was nach außen wie Talent wirkt, ist oft ein Hochseilakt ohne Netz:
Deadlines,
Aufschieberitis,
hyperfokussierte Phasen und
völlige Leere wechseln sich ab.
Die Energie, die es kostet, im Job „normal“ zu erscheinen, ist nicht sichtbar.
Sie fehlt nur abends, wenn andere entspannen.

Außergewöhnlich sind nicht nur die Ideen.
Außergewöhnlich ist auch der Kampf, sich selbst nicht ständig als ungenügend zu empfinden.
Weil die Welt selten so gebaut ist, dass sie das Tempo und die Tiefe eines ADHS – Hirns hält.

Der leise Zweifel: Bin ich überhaupt „echt“?

Wer ein Leben lang hört, man sei „zu viel“, beginnt irgendwann, sich zu hinterfragen.
Wer sich ständig anpassen muss, verliert irgendwann das Gefühl dafür, was „man selbst“ eigentlich bedeutet.
Und wer gleichzeitig als außergewöhnlich oder „besonders“ bezeichnet wird, erlebt oft einen Widerspruch:
Wie kann ich besonders sein, wenn ich mich innerlich oft nur verloren fühle?

ADHS bedeutet oft auch:
das ständige Nebeneinander von tiefem Wissen und momentaner Orientierungslosigkeit.
Von innerer Stärke und kindlicher Verzweiflung.
Von Klarheit und Chaos.
Aber genau dieses Nebeneinander macht das Erleben so menschlich.
So ehrlich.
So außergewöhnlich.

Sichtbar sein, ohne sich selbst zu verlieren

Viele neurodivergente Menschen tragen eine tiefe Ambivalenz in sich:
Der Wunsch, endlich gesehen zu werden.
Und gleichzeitig die Angst, in diesem Gesehenwerden wieder nicht verstanden zu werden.

Sichtbarkeit ist kein Akt des Mutes allein.
Es ist ein Prozess des Wiedererkennens.
Es bedeutet, sich mit den Widersprüchen zu zeigen.
Mit der Unruhe.
Mit der Tiefe.
Mit dem ganzen leuchtenden, überfordernden, liebenswerten Selbst.

Vielleicht liegt genau darin das Außergewöhnliche:
Nicht, dass du dich erklärst.
Sondern, dass du da bist.
Nicht trotz deiner Art.
Sondern ihretwegen.

Nicht glänzen müssen, um zu strahlen

ADHS bedeutet nicht automatisch Kreativität oder Chaos.
Es bedeutet auch nicht, dass du „besonders begabt“ bist.
Es bedeutet nur, dass du anders tickst.
Und dass du trotzdem (oder gerade deshalb) dazugehören darfst.

Du bist nicht außergewöhnlich, weil du besser, schneller, bunter bist.
Sondern weil du ehrlich, wach, tief und widerstandsfähig bist.
Nicht als Performance.
Sondern als dein Sein.


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2 Antworten zu „ADHS und außergewöhnlich – Wenn du nicht passt, obwohl du strahlst“

  1. […] perfekt, nicht glatt, nicht ideal, sondern menschlich.Und in dieser Hoffnung liegt etwas Außergewöhnliches: ein kleines, leuchtendes […]

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  2. […] Maria Klitz schreibt ihren 505. Blogartikel und feiert den Impuls: ADHS und außergewöhnlich – Wenn du nicht passt, obwohl du strahlst […]

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