Vom Säugling zum Schulkind – grundlegende Aspekte von Entwicklung Teil 1/7

Wer Entwicklung verstehen und nachvollziehen möchte, darf sich nicht nur Einzelfaktoren aussuchen, sondern sich auch für komplexe biopsychosoziale Vorgänge und deren Wechselwirkungen während des Entwicklungsverlaufs interessieren. Entwicklung kann aber auch in verschiedenen Bereichen gleichzeitig beginnen und nach und nach kommen immer wieder neue Fähigkeiten hinzu, ohne dass die vorangegangenen an Bedeutung verlieren oder gar verschwinden, so sind z. B. die Nahrungsaufnahme und das frühkindliche Kontaktbedürfnis bereits von Geburt an voll entwickelt.

Im ersten von sieben Blogartikeln rund um die altersbezogenen Entwicklungsverläufe bei Kindern zwischen dem ersten und sechsten Lebensjahr geht es um die kindliche Entwicklung von der Geburt bis zum Schuleintritt.

Was ist Entwicklung?

Entwicklung ist ein über die Zeit ablaufender Prozess, der von verschiedensten Einflüssen immer wieder angestoßen und von diesen in Abfolge und Geschehen bestimmt sind.

Eine Entwicklungsaufgabe gilt als bewältigt, wenn sich ein Kind so weit entwickelt hat, dass es nun über erweiterte, differenziertere und verlässlichere Vorstellungen über sich und seine Umwelt verfügt. Dieser Zuwachs gibt dem Kind die Möglichkeit Besonderheiten einer Situation aus anderen Augen, je nach den bisherigen Erfahrungen deines Kindes, zu erhalten oder zu verändern.

Durch die alltägliche Anforderungen und sich in den miteinander ergebenden Herausforderungen werden Kinder vor Entwicklungsaufgaben gestellt. Damit sich ein physisches wie psychisches Wohlbefinden einstellt ist es wichtig, dass diese Aufgaben altersgemäß bewältigt werden können und durch Reaktionen der Umgebung bestärkt werden.
Die Entwicklungsaufgaben sind vielfältig, z. B. vom Gemeinschaftsgut in der Familie zu der Vorstellung des eigenen Besitzes über den Gebrauch des eigenen Spielzeuges.

Anlage – Umwelt

Das Kind selbst wie auch seine Umwelt bestimmen den Entwicklungsverlauf aktiv mit.

Denn
• Ein Kind ist aktiv und entwickelt sich aus sich heraus
• Ein Kind sucht nach Erfahrungen gemäß seinen Interessen und Neigungen; immer abhängig von seinem Entwicklungsstand
• Das Kind macht seine Erfahrungen aufgrund des Angebotes seiner Umwelt
• Das Kind seinerseits bestimmt selbstständig, was es davon annimmt
• Ein Kind kann nur so viel an Umweltangeboten annehmen, wie es ihm von seinem Entwicklungsstandes her möglich ist
• Ein Überangebot kann sowohl ungenutzt bleiben als auch seine Entwicklung beeinträchtigen

Gibt es eine normale Entwicklung?

Nein, diese gibt es nicht.
Denn das idealtypische Durchschnittskind, dessen altersgemäße Entwicklung in allen Bereichen genau nach Plan verläuft, gibt es in der Realität nicht.
Jedes Kind entwickelt sich individuell!

Es gibt kein Entwicklungsmerkmal, welches bei Kindern gleichen Alters gleich ausgeprägt ist. Denn die ungeheure Entwicklungsvielfalt gleichaltriger Kinder kommt dadurch zustande, dass Eigenschaften und Fähigkeiten von Kind zu Kind unterschiedlich angelegt sind und unterschiedlich schnell ausreifen und auch von der jeweiligen Umgebung unterschiedlich stark begleitet werden und somit auch in unterschiedlichem Maße zur Entfaltung gebracht werden.

Zur Veranschaulichung der unterschiedlichen Entwicklungsprozesse kann man an das Bild einer Treppe denken:
Ist eine Entwicklungsstufe erreicht, kommt die nächste Stufe und baut auf die vorangegangene auf. Manche Kinder lassen eine Stufe aus, überspringen scheinbar welche und kommen trotzdem an derselben Stelle an wie Kinder, die jede Stufe durchlaufen haben.
Entwicklung kann aber auch in verschiedenen Bereichen gleichzeitig beginnen und nach und nach kommen immer wieder neue Fähigkeiten hinzu, ohne dass die vorangegangenen an Bedeutung verlieren oder gar verschwinden, so sind z. B. die Nahrungsaufnahme und das frühkindliche Kontaktbedürfnis bereits von Geburt an voll entwickelt.

Durch Bewegung verändern wir nicht nur uns

Jede Bewegung ist eine wechselseitige Auseinandersetzung mit der bestehenden und sozialen Welt, die uns umgibt. Durch Bewegung verändern wir uns und unsere Umwelt. Ohne Bewegung wissen wir nichts von der Welt, können wir nicht aktiv an unserem Leben teilhaben, zu anderen Menschen in Beziehung treten, nicht denken, nicht träumen.
Halt und Orientierung verschafft uns als verlässliche Größe die beständige Erfahrung der Schwere unseres Körpers in Beziehung zur Anziehungskraft der Erde. Von Anfang an gleichen wir bewusst über Wahrnehmen und Handeln den Zug der Erdanziehungskraft aus.

Alle Kinder der Welt entwickeln mit geringen Unterschieden charakteristische Veränderungen der Steuerungs- und Funktionsprozesse die der Koordination von Wahrnehmung und Bewegung. Muskeln, Sehnen und Skelett können nur dann sinnvoll zusammenarbeiten und die Körperbewegungen regulieren, wenn sie laufend und möglichst über alle sieben Sinne gleichzeitig Informationen zur jeweiligen Körperstellung im Raum und über die Genauigkeit der Ausführung erhalten.

Im Zusammenwirken mit der Entwicklung der Grobmotorik entwickelt jedes Kind dieser Welt seine Fähigkeiten „von innen nach außen“: es probiert die „gröberen“ vor den „feineren“ Bewegungen der Arme, Hände und Finger, der Beine, Füße und Zehen. Es differenziert seine Fähigkeiten immer weiter aus- je nach „angeborenen“ Fähigkeiten und den Anforderungen und Angeboten seiner kulturellen und sozialen Umwelt.

Der Interessenkonflikt

Entwicklung läuft eher in Sprüngen als kontinuierlich ab und schließt auch Rückschläge mit ein. Dieses ist in einigen Abschnitten in den ersten drei Lebensjahren zu beobachten; es findet keine gleichmäßige Entwicklung statt.
Das Kind ist hiervon verunsichert und reagiert befremdet, wird wieder „babyhaft“: es traut sich einige Aktivitäten nicht mehr zu und fordert Hilfe bei seinen Bezugspersonen, in Situationen, die es eigentlich schon bewältigen könnte.

Dieses ist ein Schutzmechanismus, der zum Einsatz kommt, wenn Neues die innere Stabilität gefährden könnte.
In dieser Situation gewährt die Bezugsperson wieder mehr Nähe, entzieht sich aber dann mit dem Impuls: „Das schaffst du alleine!“

Dieser Interessenkonflikt ist wichtig für die Entwicklung deines Kindes, denn so findet ein weiterer Sprung in der Entwicklung statt: deine Haltung als Elternteil, die Situation kurzfristig zu akzeptieren und die schützende Nähe deinem Kind zu geben, jedoch gleichzeitig in die Fähig- und Fertigkeiten deines Kindes zu vertrauen, wirkt als echte Förderung.

Dein Kind hat gelernt, dass es auch mal schwach sein darf und sowohl Rückhalt als auch Ansporn beim Wiederdurchstarten findet.

Die Eltern – Kind – Beziehung hat eine Schlüsselfunktion in der Entwicklung

Eine positive Eltern – Kind – Beziehung, in der eine fürsorgliche und empathische, auf Augenhöhe stattfindende Erziehung stattfindet, stellt eine entwicklungsförderliche Bedingung dar.

Der „Reichtum“ der Schwangerschaftsstimulationen reicht für eine optimale Gehirnentwicklung aus.

Wusstest du, dass ein möglichst langes Stillen deines Kindes während des ersten Lebensjahres seinen IQ steigen lässt? – Gestillte Kinder schneiden im Alter von 8 Jahren bei IQ – Tests um durchschnittlich acht Punkte besser ab als flaschenernährte Kinder. Dieses ist nicht nur auf die Muttermilch alleine zurückzuführen, sondern vor allem auf den interaktiven Akt des Stillens, der intelligentes Potenzial zur Entfaltung bringt.

Es sind der Umgang der Eltern mit dem Kind und die Gestaltung seiner Lebensumwelt, die die Kindheit ausmachen. Denn eine sichere Bindung versetzt die Kinder in die bestmögliche Ausgangslage, um ihre Umgebung wahrzunehmen und Veränderungen zu bemerken.

Neugier und Erkundungsbereitschaft des Kindes greifen überall Wahrnehmungen und Erlebnisse auf, lassen das Kind handeln, sich aber auch Abläufe vorstellen, mit anderen durchsprechen, Zusammenhänge phantasievoll durchdenken und auf diesem Weg die so erfahrene Welt immer neu deuten.

Kinder erziehen sich selbst – Eltern sind austauschbar

Erziehung kann Entwicklungsverläufen den geeigneten Rahmen geben und Entwicklung anregen. Erwachsene erziehen Kinder. Kinder entwickeln sich.

Nimmt die elterliche Erziehung Einfluss auf den Entwicklungsverlauf?
Wenn ja, wie?
Kann Erziehung bemerkenswerte Entwicklungsfortschritte möglich machen?
Und vor der Entwicklung unerwünschten Verhaltens schützen?
Oder ist es der hoffnungsvolle Wunsch der Eltern ein Stück weit die Richtung der Entwicklung vorgeben zu können?
Sind Kinder erziehbar?

Was wäre, wenn die Hälfte der intellektuellen und persönlichen Merkmale auf die individuellen Gene zurückzuführen wäre, der Rest umweltbedingt sei?
Was, wenn dieser Rest nicht durch den Einfluss der Eltern, sondern durch die gleichaltrigen Freunde, die Peergroup zustande kommt?

Spricht man von Einflussfaktoren der so genannten geteilten Umwelt, also von Merkmalen, die auf alle Kinder einer Familie in gleicher Weise zutreffen, wie z. B. die Schichtzugehörigkeit, Erziehungsvorstellungen, Lebensstandard, so haben diese Faktoren tatsächlichen keinen großen Einfluss.
Im Gegensatz dazu spielt die so genannte nichtgeteilte Umwelt eine weit größere Rolle.
Beispielsweise nehmen Geschwister das familiäre Erziehungsklima und die tägliche Erziehungspraxis der Eltern unterschiedlich wahr. Daraus kann jedoch nicht der Schluss gezogen werden, dass der Einfluss der Eltern beliebig und somit irrelevant wäre, sondern nur, dass er, abhängig von den individuellen Persönlichkeiten unterschiedlich empfunden und verarbeitet wird.

Denn ein Kind bringt weit mehr an eigenem Persönlichkeitsprofil mit als bis jetzt angenommen wurde: das Kind gestaltet seine Entwicklung mit, aktiv und den Ton angebend.
Inwieweit ihm dies möglich ist, hängt anfangs von der elterlichen Betreuung und Erziehung ab und später immer mehr von der außerhäuslichen Erziehungserfahrungen.
Je stärker sich die Eltern am Entwicklungsverlauf ihres Kindes orientieren, umso wirkungsvoller ist die Erziehung.

Resilient wird ein Mensch nicht von alleine

Widerstandsfähigkeit
Widerstandsfähigkeit

Während der Kindheitsjahre sollte jedem Kind wenigstens eine verlässliche und liebevoll zugewandte Bindungsperson zur Seite stehen. Ob innerhalb oder außerhalb der Familie spielt keine Rolle.
Diese Unterstützung ist besonders für Kinder wichtig, die viel mitmachen: Armut, Verlust wichtiger Familienmitglieder, soziale Isolation.

Doch warum sind manche Kinder besonders widerstandsfähig und trotz allem nicht unterzukriegen?
Was lässt sie mit Belastungen erfolgreicher umgehen als andere Kinder?

Kinder aus „bildungsfernen“ Familien haben es schwerer, ihr Potenzial zu entfalten und darin persönliche Widerstandskraft zu entwickeln als Kinder, in deren Familien Bücher von Geburt an zum Lebensalltag gehören. Kinder, die von Großeltern und Geschwistern lernen können und deren Eltern in das soziale Netz des Gemeinwesens eingebunden sind, haben es leichter, Kontakte anzubahnen und zu halten, als Kinder, deren Eltern sich aus der Angst vor Stigmatisierung oder Ausgrenzung isolieren.

Eines ist klar: resilient wird kein Mensch von alleine! Es ist das Ergebnis eines Prozesses zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen.
Dieses zeigt sich in Verhaltensweisen, die psychische Sicherheit brauchen, wie Verantwortung übernehmen, Durchhalten, sich selbst behaupten, Humor beweisen, Probleme lösen, Herausforderungen annehmen und den eigenen Erfolg spüren.
Es braucht psychischen Rückhalt, damit ein Mensch realistisch planen und handeln kann sowie die dazugehörige Motivation, Ausdauer und Weitsicht.
Auch entsteht Resilienz durch Vorbilder und deren Umgang mit Herausforderungen und Misserfolg und Unmut.
Entwicklungsbegleiter dürfen zugewandt, einfühlsam und zuverlässig sein sowie dem Kind Achtung und Liebe spüren lassen, damit es an sich glaubt.
Denn der Glaube an sich selbst kommt auch nicht von alleine!

Im zweiten Teil meiner Blogserie rund um die altersbezogenen Entwicklungsverläufe bei Kindern zwischen dem ersten und sechsten Lebensjahr geht es um das erste Lebensjahr.

 

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