Mein Weg von der Erziehung zur Beziehung

Kennst du das Gefühl, wenn du etwas gelernt hast und dieses anwenden sollst aber dich nicht wohl fühlst?

Wenn du es ja eigentlich wissen solltest, aber du es trotzdem nicht weißt?

Wenn du aufgrund von einem Moment plötzlich alles hinterfragst?

Wenn sich in einem Moment dein komplettes Leben verändert?

So erging es mir am 16. Juni 2015

Aber fangen wir einmal von vorne an:

In einer kalten Winternacht um 5:45 Uhr erblickte ich in Eisenach / Thüringen das Licht der Welt. Für meine Mutter war ich ein Wunschkind, deren Geburt sie kaum erwarten konnte. Doch aufgrund des Arbeitsortes meines Vaters war dieser sehr selten bis gar nicht zu Hause. Und suchte sich bald eine neue Familie.

Ich kann mich noch sehr genau an die Situation erinnern, als ich eines Tages, ich war, 1,5 Jahre jung, ins Schlafzimmer ging und meine Mutter vor ihrem Bett stehen sehen habe. Vor ihr auf dem Bett lag ein brauner Koffer. Er war geöffnet und aufgeklappt. Ich konnte gerade so hineinsehen. Was ich sah, war Kleidung. Kleidung, meines Vaters.

Ich begriff nicht, was da passierte.

Meine Mutter füllte den kompletten Koffer mit der Kleidung meines Vaters, machte den Reißverschluss zu und ging mit dem Koffer zur Treppe. Mein Vater kam gerade von der Arbeit nach Hause und kam die Holztreppe nach oben.

Stufe für Stufe.

Er sah nicht glücklich aus. Meine Mutter gab ihm den Koffer in die Hand mit den Worten. „Du wirst deine Tochter nie wiedersehen!“

Genauso sollte es passieren. Denn bis auf zwei Ausnahmen habe ich meinen Vater nicht sehen können / dürfen! Bis heute schmerzt mich dieser Zustand sehr!

 

Die Jahre bis zur Einschulung verbrachte ich täglich im Kindergarten und nachmittags, bis meine Mutter von der Arbeit heimkam, war ich eine Etage tiefer bei meinen Großeltern. Diesen habe ich auch die Werte in meinem Leben zu verstanden. Meine Großeltern waren, bis zu ihrem Tod im Jahre 2002 und 2003, die wichtigsten Menschen in meinem Leben!

Die Menschen, die auf die ich mich verlassen konnte.

Die Menschen, die für mich da waren!

Die Menschen, bei denen ich so sein konnte, wie ich war: ein Kind!

 

Als im Jahre 1994 meine Mutter ihren heutigen Ehemann und Vater meines Bruders kennen lernte, begann für mich der Alptraum! Ab diesem Moment hatte ich keine Kindheit mehr!

Ich war das billige Hausmädchen.

Die billige Babysitterin meines Bruders.

Meine Hände wurden, durch den täglichen Umbau unseres Hauses, sehr rau und waren wund.

Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich nachmittags Zeit für Freunde hatte. Moment, was sind eigentlich Freunde? Denn, wenn du als Kind die nicht nachmittags mit deinen Klassenkameraden getroffen hast, um zu spielen, ins Schwimmbad zu gehen oder gemeinsam Hausaufgaben zu machen, wurdest du ausgeschlossen.

Ich wurde ausgeschlossen.

Ich hatte keine Freunde.

War alleine!

Wurde ausgeschlossen und gemobbt!

Ich hatte keine Kindheit, keine Jugendzeit!

Aber einen Willen zum Leben, zum Überleben!

 

Keine eigene Meinung haben zu dürfen, bei negativen Gefühlen eingesperrt in das eigene Zimmer oder in den Keller, wollte ich doch nur eines: ein KIND sein!

Akzeptiert werden!

Geliebt werden!

Stattdessen musste ich tägliche Misshandlungen in den schlimmsten Formen über mich ergehen lassen!

Heute noch befinden sich die Narben tief in meiner Seele, sehr tief. Doch statt daran zu zerbrechen kämpfte ich. Jeden Tag ums Überleben. Wochen und Monate. Jahre, um aus dieser Hölle entfliehen zu können.

Bis zum 22.8.2002 – dem Tag meiner Freiheit

Ich werde diesen Tag niemals vergessen. Seit diesem Tag feier ich zweimal im Jahr meinen Geburtstag und fing an zu leben, zu lachen, zu kämpfen. Doch meine Erinnerungen holten mich schneller ein als mir lieb war. Und so landete ich mit 18 Jahren, im Winter, auf der Straße. Ich wohnte in Essen unter einer Brücke. Mit anderen Obdachlosen. Jede Nacht war einer wach und passte auf mich auf! Ich war ja schließlich das kleine Kind! Dabei war ich doch schon 18.

Oder erst?

Ich kämpfte weiter, hatte eine eigene Wohnung, lernte meinen Ehemann kennen und lieben und absolvierte meine 2-jährige Ausbildung als Sozialassistentin sowohl am Rudolf-Steiner-Institut in Kassel, als auch in Gießen. Und falls sich jetzt jemand von euch fragt, ob ich meinen Namen tanzen kann, weil ich auf einer Waldorfschule war, den muss ich enttäuschen: dafür hat es nicht gereicht!

Anschließend folgten noch drei Jahre bis ich es endlich geschafft hatte: staatlich anerkannte Erzieherin!

In diesem Job arbeitete ich über 5 Jahre in Frankfurt in einem Familienzentrum mit 105 Kindern im Alter von 3-12 Jahren in einem offenen Konzept. Ich liebte meine Arbeit. Ich war motiviert. Hatte geniale Kollegen und eine perfektionistische Chefin, der ich aber auch mal einen Fehler aufzeigen konnte.

Wenn mich meine Kollegen in dem Riesengebäude mal nicht fanden, wussten sie, dass sie mich im Werkraum finden würden. Experimente, Nägel, Holz, Säge – genau meins!

Was für ein geniales Gefühl war es

als die kleine 3-jährige L. von ihren Eltern in meinem Werkraum abgeholt wurde: L. saß auf dem hohen Stuhl an der großen Werkbank. Mit der linken Hand hielt sie den Nagel fest und mit der rechten Hand schlug sie diesen mit einem (echten) Hammer in ein kleines Stück Holz! Ich sehe heute noch das entsetzte Gesicht der Eltern! Und gleichzeitig voller Stolz! Ihre Tochter hatte sich dazu entschieden mit den Hortkindern in den Werkraum und nicht mit den anderen Kindern auf das Außengelände zu gehen. Ein warmer Schauer lief über meinen Rücken.

Meine Arbeit, meine Leidenschaft – sie spiegelte sich in den Augen des Mädchens wieder.

Doch gab es auch die anderen Momente

Die Momente, in denen ich in Entwicklungsgesprächen Eltern gegenüber saß, die mir volle stolz berichteten, dass ihr 3-jähriger Sohn Apps auf dem Tablet bedienen kann. Diese war für mich so abstrakt und nicht nachvollziehbar, dass ich sogar die Eltern fragte, warum sie in dieser Zeit nicht mit ihrem Sohn spielen würden. Die Antwort war simpel und logisch: “Er wollte nicht. Und brauchte diese Zeit um nach dem Kindergarten die Eindrücke zu verarbeiten!“ Ich konnte es nicht nachvollziehen. Das Kind war doch erst drei! Wie konnten sie das vor das Tablet setzen!? Und selbstständig in diesem Alter das zu bedienen, war für mich so weit weg!

Dabei war es doch viel wichtiger den Eltern aufzuzeigen wo ihr Kind laut entwicklungspsychologischer Grundlagentabelle steht, was es noch nicht kann und wie wir es gemeinsam fördern könnten.

(Oh man, jetzt wo ich gerade diese Zeilen schreibe fühlt sich das so schwer und grausam an – es tut mir leid!)

Ich wusste es nicht anders

Bis ich selbst im Jahre 2014 schwanger wurde und diese Art der Arbeit hinterfragte. Meine Arbeit.

Ich fing an Bücher zu lesen und ohne Zweifel war mir direkt klar, dass mein Kind auf natürlichem Wege das Licht erblickte, ich stillen werde, koste es, was es wollte und ich ihn begleiten aber nicht erziehen wollte.

Besonders gefreut hat mich das Geschenk eines langjährigen Freundes meines Mannes: eine handgeschnitzte Wiege! Diese stellte ich direkt an das Fußende meines Bettes ins Schlafzimmer. Mein Mann schaute mich fragend an und lächelte. „Dein Sohn schläft neben dir!“ „Waaaaas? Nein! Das ist mein Bett, da schlafe ich! Und in de Wiege schläft unser Sohn.“ „Jaja, wir werden es ja sehen!“ Das war einer der vielen Momente, in denen mein Mann Recht behielt.

Denn dann kam der Tag, der alles veränderte, der:

16. Juni 2015 – der Tag der Geburt meines Sohnes

Nach 12 h Wehen erblickte Till um 14:50 Uhr das Licht der Welt!

Ein sehr bewegender und emotionaler Moment!

Ein Moment, der die Welt für einen kurzen Moment zum Stillstand brachte!

Ein Moment, der mein Leben komplett verändert hat.

 

Die ersten 3,5 Monate wohnte mein Sohn auf meinem Arm, ich schlief im Sitzen und aß mein Essen kalt.

Die Zeit verging wie im Flug.

 

Mein Sohn stillte, wenn er Hunger hatte.

Mein Sohn schlief, wenn er müde war.

Vom ersten Moment achtete ich auf seine Bedürfnisse und wusste gar nicht, dass es dafür einen Namen gab.

Denn ich handelte nach meinem Bauchgefühl und meinem Mutterinstinkt (woher ich auch immer diesen hatte).

 

Besonders als gelernte Erzieherin, verheiratet mit einem Mann, der 31 Jahre älter als man selbst ist und auf einem kleinen Dorf im Landkreis Gießen in Hessen lebend, ist es nicht leicht.

Denn wir sind mit unserer Einstellung und Lebensweise Außenseiter:

Wenn mein Sohn Hunger hat, kann er essen.

Wenn mein Sohn müde ist, kann er schlafen.

Wenn er raus gehen möchte, kann er raus gehen!

Wenn er Tablet spielen möchte, kann er diese tun. (Ja, er spielt mit seinen 3 Jahren Tablet)

 

Ohne Druck!

Ohne Zwang!

Aber mit dem Blick auf die Bedürfnisse aller in der Familie lebenden!

 

Denn durch meine eigene Kindheit und auch durch die Erfahrung in meinem Job habe ich eines gelernt: Kinder haben ein Recht auf eine Kindheit und vor allem auf einen eigenen Willen!

 

Denn Kinder sind genauso wie wir Erwachsenen

MENSCHEN!

 

Und wenn du noch weiter in das Thema einsteigen möchtest, empfehle ich dir meinen Kurs zum Thema „Miteinander reden – Warum dir dein kind nicht immer zuhört“

 

 

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